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Der Wanderer.

Beiblatt zur Nassauischen Allgemeine Zeitung.

Ar. 27. Dienstag den 1. Februar ,«^L

Musicalische Leiden und Freuden.

Humoristische Novelle in so und so viel Capiteln.

(Fortsetzung.)

Wir lassen Peter'n und seinem Lehrer, der diesen Plan bei den Aeltern durchsetzte, einige Tage, um sich zu freuen, und dem Dorfschneider Zeit, um sich auf den Schnitt zu be­sinnen , den er vor vielen Jahren den jungen Herren der Stadt zugerichtet hat. Peter sollte in eine Hauptstadt, zu einem Bekannten des Organisten, der ihm eine Wohnung ge­ben wollte; einer oder der andere Freund hatte sich zu einem Mittagstische verstanden uud was sonst zum Lebeu oder zum Unterrichte gehörte, floß aus der Tasche des Organisten. Der Dorfschneider war der Erste, der von seiner Freigebigkeit profilirte und unsern Peter fashionable machte. Einige Zeit darauf stand der Wagen des Herrn Petrissen, mit zwei kräf­tigen Stieren bespannt, vor der Thür und Peter nahm eben mit seinem Gepäck Platz darauf, begleitet von dem Schul­meister, der ihn nach der nächsten Stadt zur Post bringen sollte. Die Scenen der Rührung waren über die heftigsten Momente des Abschiednehmens gediehen, nur Peter weinte mehr, als es für die Klarheit seiner Gesichtsfarbe dienlich war. Endlich stieg auch der Ochsenknecht-auf seinen Sitz und nach einigen neuen Ergüssen der Familienliebe und Zärtlich­keit, die selbst ein Musikant nicht ganz vernachlässigt, fuhr das edle Gespann bedächtig seines Weges, fast zu langsam für den Organisten, der sich auf einer Expedition zur Entdeckung der Welt begriffen glaubte.

Der Alte war ungemein heiter, weil er sich einbildete, er habe über Nacht die Selbstsucht total niedergeworfen, und je mehr sein Zögling in immer wiederkehrenden Anfällen schluchzte, um so mehr heiterte sich sein Gesicht auf. Peter und er, meinte er bei sich, wären nur Eine Seele, und wenn Jener traurig wäre, müßte er als die ältere Hälfte vergnüglich sein; denn ein böses Zeichen wäre es für einen Kunstjünger, mit trübem Auge seine eigene Zukunft anzuschauen.

Unter solchen philosophischen Gedanken setzten sie ihre Reise fort und so oft sie ein Dorf passirten, fragte der Alte seinen

Peter, ob er noch keinen Hunger fühle. Im Stillen ärgerte er sich darüber, daß dieser beharrlich dankte, denn es war ihm so ums Herz, als müßte er noch auf dieser Reise irgend et­was Bedeutendes für seinen Liebling thun, und da er nicht wußte was, so fiel er mechanisch auf den Gedanken, daß Reiselust für junge Leute sehr zehrend sei. Peter mochte in­dessen anderer Meinung sein, denn seine Henkermahlzeit zu Hause drückte ihm noch die Kehle ab und alle seine Drüsen hatten eine unbestimmte Thätigkeit nach den Augen hin an­genommen. Vergebens suchte der Lehrer nach einem Trost für ihn.

Peter! brachte er endlich tröstend heraus und er sah so vergnügt aus wie ein Laubfrosch, der eine Bremse hinunter­schlucken will, Peter! das Sprüchwort sagt: Ars est longa, vita brevis, das heißt, ich möchte behaupten, auch das Leben sei nicht so kurz, daß man sich nichl oft wiederbegegnen könnte.

Der Ochsenknecht peitschte, um seinerseits nicht auch die Fassung zu verlieren, und das trübselige Kleeblatt hielt end­lich vor der Post des Nachbarstädtchens, um sich drinnen das letzte Lebewohl zn sagen. Sie stiegen ab, der Organist be­stellte ein leckeres Abendessen, ja sogar eine Flasche vom besten Wein, den der Wirth nur in seinem Keller habe.

Das Essen kam, der Wein kam, die feierliche Stimmung mehrte sich. Peter, stoß an! Wir sind Hercules am Scheide­wege! sagte der Alte. Versteh' mich recht, Peter! Vor uns liegen zwei Wege; der eine ist schmal, dornenvoll, rauh und mühsam es ist der der Tugend; der andere ist breit , la­chend, mit verlockenden Früchten geschmückt; aber das Laster wandelt auf ihm. Peter, wie heißt das zweite Gebot?

Du sollst den Namen deines Gottes nicht unnützlich füh­ren ---

Recht so! Auch die Musik ist sein Namen und die Töne sind der Hauch seines Athems, der im Meuscheuhcrzen wider­hallt. Peter! fuhr der Alte begeistert mit erhobener Stimme fort, die Musik ist eine göttliche Kunst und ihre Gcburtsstättc ist das Firmament mit seinen dahiurollenden Sternen. Stu- dire die alten Meister, sieh', wie in ihren Fugen die Töne ' sich umschwingen wie eilende Planeten, selbstständig, losgerff.