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Der Wanderer.

Beiblatt M

Allgemeinen Zeitung.

Nr. 26. Montag den 31. Januar ,«rr

Musicalische Leiden und Lreuden.

Humoristische Novelle in so und so viel Capiteln.

(Fortsetzung.)

Eine ganz andere Bedeutung hatte Peter dagegen für den alten Organisten gewonnen. Peter war für ibn das mnsica- lische Thema einer Composition, in der er seine innersten Ge­fühle und Gedanken niederlegen wollte. Auch er hatte einst geträumt und gehofft, gerungen und gestrebt, er hatte resig- niren, sich selbst aufgeben müssen nnd war nun glücklich, die Selbstverleugnung und ihre Früchte wieder genießen zu kön­nen, die zusammen mit seiner Mutter dem Grabe verfallen waren. Gewohnt, sein persönliches Interesse, seine Neigungen nur in dem Spiegelbilde einer zweiten Persönlichkeit wieder­zusehen, hatte er sich in seiner Verlasienheit höchst unglücklich gefühlt. Seine Schule füllte die musicalische Bedürftigkeit seiner Seele nicht ans, seine musicalischen Studien stellten ihm die aufgegebene Laufbahn vor Augen und er hatte Nie­manden mehr, dem er diese geopferten Interessen zu Füßen legen konnte. Da wurde Peter, dessen musicalisches Talent er entdeckte, aber vielleicht überschätzte, ein Gegenstand seines poetischen Cultus, seiner Phantasie. Alle seine frühern Träume wurden in ihm wach, aber er wurde jünger, war nicht mehr der gealterte, ernste Organist, Ler wehmüthige, halbgebrochene Mann --er war mitten im Kindesalter, hatte auch nicht mehr als elf Jahre aus dem Nacken, fühlte sich munter, kind­lich strebsam, ungebeugt, er war in seinen Phantasien Myn­heer Peter van Petrissen in höchst eigener Person.

Glücklich, heiter, wie er sich nie gekannt, von einem Eifer beseelt, den er nur in früher Jugend besessen, saß er vor sei­nem geliebten Flügel und extemporisirte eine Fuge, schlug ein Thema an, kräftig, heiter und ruhig, gehoben von der bewuß­ten Tüchtigkeit, und dieses Thema in F-dur war Peter, der Führer seiner Fuge, Peter, der verjüngte Organist, sein zwei­tes Hoffnungsreiches Ich. In einer andern Stimme, auf ei­ner andern Stufe der Lebcnstonleiter fiel er selbst als Be­gleiter ein, suchte sich seinem jungen Führer anzupassen, ähn­lich zu wachen, modulirte sein Gemüth selbst vorübergehend

in andere Tonarten und schritt, jeden Anklang seines Führers beantwortend, rüstig neben ihm her. Er folgte ihm, wie er die verschiedenen Stimmen des Lebens, von der Oberstimme bis zur Unterstimme, durchmaß; sie wanderten vorüber an den Gegenharmonieen, die sich auf ihrer Bahn gegen sie auflehn­ten, ihren Wünschen entgegentraten, gegen ihre Hoffnungen contrastirten nnd zwangen sie in den Einklang ihres Strebens; sie ergötzten sich mitsammen an den zwischenklingenden Har- monieen, in denen sie ausruhten von dem Ernste ihrer Ge­gendanken, und stiegen immer höher, kühner auf den Staffeln der Gefühlstonleiter empor, von einer zur andern, vom ern­sten Streben zum stürmischen Kampfe, zur triumphirenden Ruhe; vom Enthusiasmus des Herzens zur Weichheit des Gefühls; vom Schmerz, von der Verzweiflung bis zum Es- dur der Liebe und Kraft und kehrten modulirend zurück zu ihrem leitenden Thema, führten alle Melodiken zusammen nach einem Ton hin, nach einem dominirenden Klange, der, ausgehalten vom kräftigen Baßbewußtsein, in reichern, feinern Combinationen das zur Melodie entfaltete Thema der künst­lerischen Vollendung entgegenführt. Auf dem Orgelpunkt die­ser Fuge ruhte versöhnt das Leben und Streben unseres Or­ganisten, das Ideal des Künstlers, das er für sich geträumt hatte, und das er in einem Knaben vom Lande wiederzusin- den hoffte.

Es ist kaum glaublich und anzunehmen, daß Peter noch damals ahnte, was sein Lehrer in den Mußestunden mit ihm vornahm. Nie hätte er sich träumen lassen, daß seine an sich übermäßig schlanke Gestalt zu einem melodischen Faden auS- gesponnen und zu einem so kunstreichen Gewebe verflochten werden könnte, an dem mit stillem Ergötzen das innere Auge des Organisten hing. Peter war und blieb derselbe kecke, sorglose Bursche, nur altkluger, vorlauter als in den Zeiten, wo er seinem Vater noch einige Hoffnung übrigließ. Es ist wahr, er zeigte Anlage und musterhaften Fleiß, er ergötzte feinen Lehrer durch einen gewissen Humor und blieb trotz sei­ner Frühreife immer noch der naive Kuabe; es läßt sich auch nicht leugnen, daß er einen hohen Begriff von der Würde deS Berufs hatte, dem er sich widmen wollte; er ließ sich