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Der Wanderer.

H, 23.

Kelletristisches Beiblatt tut

Allgemeinen Zeitung.

Samstag den 2?). Januar

/S.53.

Mustcalische Leiden und Freuden. Humoristische Novelle in so und so viel Capiteln.

(Fortsetzung.)

Peter van Petriffen, ein geweckter Kopf, ein Nachkömm­ling der niederländischen Protestanten, wurde der Anführer einer Rotte, die gegen das Verbleiben der Schismatiker in dem rechtgläubigen Windkasten der Orgel protestirte. Die Scenen jenes Vernichtungskampfes wiederholten sich, die En- len wurden vertrieben, getödtet oder eingefangeu, aber auch der Boden, auf dem diese Kämpfe wütheten, verlor einen Theil seines metallischen Reichthums; viele von den Orgel­pfeifen wurden von den Schuljungen als Trophäen heimlich davongetragen.

Der neue Organist wurde den Verlust bald gewahr. Die Pfeifen fehlten und mußten neu beschafft werden. Das Sa­crilegium hätte gewiß die Dorfbewohner in Harnisch gebracht, wenn es nicht ein Kitzel für Alle gewesen wäre, die Schuld endgültig dem odiösen neuen Magister aufzuhalsen. Warum rührt er an heilige Einrichtungen und an Eulen ! So fragte man sich kopfschüttelnd und ging ihm aus dem Wege. Nie­mand half ihm den Dieben nachspüren.

Monate waren darüber hingegangen und der vereinsamte Mann kam einst in tiefem Abenddunkel von einem Besuche auf dem Nachbardorfe zurück. In der Ferne schlug ihm ein seltsames Tönen an sein Ohr und immer herzzerreißender, nervenerschütternder vibrirte die Nachtluft ihm entgegen, je weiter er sich von dem Dorfe entfernte. Alle Seufzer der Hölle wogen diesen hyperdiabolischen Lärm nicht auf, der aus der Mitte einer dichtbewachsenen Wiese hervorzudringen schien. Scheu flogen die Vögel aus ihren Ruhestätten auf, Enten und Gänse verließen das Lager in den Moorbrüchen und schwirrten beängstigt in einzelnen Zügen hin und her; nur die Frösche schienen an dem Teufelsspuk Gefallen zu finden und fielen mit einem tausendstimmigen Kanon: Koax, koax krekekex in das concertirende Orchester ein.

Unser Magister wußte lange nicht, wie ihm geschah; er hörte nur jede falsche Rote, und da man auch nicht eine rich­

tige gab, fühlte er eben so viele Dolchstiche wie Töne in sei­nem Herzen. Diese furchtbaren Secunden, Septimen, Nonen, die Horrible Verdoppelung der Dissonanzen, die Verbindung aller Intervalle, übermäßiger, reiner, verminderteraller Octaven ohne ein contrapunktistisches Bedenken, ohne Drei, oder Vierklang, ohne einen der geläufigen Accorde, dann die Führung der Stimmen frei und phantastisch, modulirt durch die widersprechendsten Tonarten, der Gang jedes Instruments in der chromatischen Tonleiter, ohne einen andern Rhythmus als ein marschartiges Tempo furchtbar für ein Ohr, das an Johann Scbastian's ehrwürdige, erhabene Fugen gewöhnt ist, das eine Vorliebe für den strengen, planetartigen Styl der alten Meister hat, in dem kein Atom aus der vorgeschrie- bcnen Himmelsbahn weichen darf.

Endlich war er an dem Heerd dieses nächtlichen Spuks angelangt; ein schwarzer Verdacht schlich durch seine Seele. Sollten das seine Orgelpfeifen sein? Behutsam durch­watete er den Graben, folgte dem musikalischen Gehör und schlich in dem hohen feuchten Grase entlang. Aber jetzt ver­stummte das Orchester; eine Solostimme blies eine unbekannte originelle Melodie ziemlich rein, inspirirt durch ein natürliches Talent, und der verwunderte Magister stand einen Augenblick wie gebannt da, ehe er seine Nachforschungen weiter treiben konnte.

Nur einige Schritte von ihm faßen einige zwanzig seiner Schuljungen im Grase hockend und Peter, unser Peter, Myn­heer van Petriffen, blies als Solist unter seinem nuSgczeich- neten Orchester.

Wie ein Blitz verschwanden die Jungen, als sie die Ge­stalt des Lehrers zwischen dem nickenden Grase bemerkten. Nur Peter blieb, verloren in die Melodie, die er in einer eigens zugerichtete« Orgelpfeife hervorbrachte, mit wirrem Haar, träumerischem Auge dasitzend, ohne den Lehrer an seiner Seite zu bemerken. Jetzt soll das Orchester einfallen, er winkt als Dirigent Niemand folgt! Er blickt um sich, die Orgelpfeife fällt ihm aus den Händen, als er den drohenden ! Lehrer anfleht.

Gib her! ruft er dem angedonnerten Virtuosen zu, auf