Der Wanderer.
Metrisches Beiblatt tat
Allgemeiuen Zeitung.
Vr, 20. Montag den 21. Januar /«,s
Sa faltbar.
Eine transkaukasische Erzählung.
Nach dem Russischen des Dschegitoff von Fritz v. Fr.
(Fortsetzung.)
Die Sonne hatte sich bereits hinter den riesigen Davids- berg gesenkt, die brennenden violetten Höhen nahmen allmä- [ig eine immer dunklere Färbung an und das Rosenlicht der rchneegipfel wich der hereinbrechenden Nacht. Auf den Awla- tar Bergen erglänzten schon hie und da einzelne Feuer und die Lichter in der hoch oben gelegenen alten Festung und dem Kloster zu St. David mischten sich mit den unzähligen Ster- gen am dunkeln Firmament. Lange Reihen von Flammen zogen sied in den verschiedensten Richtungen längs der Häu- ier und warfen ihren Schein auf die in den Straßen sich lümmelnde Menge; von allen Seiten ertönten Freudenschüsse, dieses beliebte Vergnügen der Orientalen und das Echo der umliegenden Berge vervielfältigte deren Knall. Besonders Wich erleuchtet waren die öffentlichen >Gârten, zu welchen an vertagen Jedermann freien Zutritt hatte. Eine Unzahl von Lichtern und bunten Lampen erhellte die Plätze und Alleen, in welchen sich das Volk hin- und herdrängte, und das bunte Gemisch des abendländischen Fracks, der russischen Uniform and der reichen, kleidsamen orientalischen Tracht schuf ein f&enfo mannigfaltiges als anziehendes Bild. Man wähnte sich auf einem Markte, wo zwei Welttheile mit einander ver- kchren.
In einem dieser Gärten waren an dessen beiden Enden Mei Tempel aufgestellt und erglänzten in wahrhaft zaubert- schem Lichte; aus einem und dem andern ertönte rauschende Musik und das Volk umstand sie in dichten Haufen. Den tinen derselben hatte man zum Tanzsaal eingerichtet, und sowohl die junonische Grusierin mit ihrem flatternden Kopfputz, *18 auch die Europäerin in ihrer weniger malerischen Frisur schwebte über den glatten Boden. Im anderen machte ein flinker Hanswurst seine Purzelbäume zum großen Ergötzen des Publicums, das jeden kühnen Sprung, jede Grimasse M lautem Beifallsruf lohnte. Mitten in dieser wogenden
Menge zog der an den Menschen gewöhnte Schwan mit erhobenen Fittigen majestätisch durch die Wellen und sein schneeiges Gefieder wiegte sich unmuthig in der Wasserebene, von welcher die Lichter des Gartens zurückstrahlten.
In einem Winkel des Gartens hatte sich um russisch« Sänger ein großer Kreis gebildet und hörte aufmerksam den fremden Liedern zu; nicht weit davon zeigte ein orientalischer Gaukler seine Künste und erheiterte durch seine Gewandtheit, so wie durch seine drolligen Sprünge und Stellungen die schaulustige Menge; ein Perser hatte sich unter den ausge- breiteten Aesten eines Nußbaums niedergelassen und sang hier dem Volke vaterländische Weisen. Das Ganze bot ein Ge- mâlde voller Leben und war im strengsten Sinne des Worts ein Volksfest. Unwillkürlich wurde man an die Erzählungen aus tausend und einer Nacht erinnert und glaubte sich mitten in die Wunder der Mährchenwelt versetzt.
Auch der blinde Rostom hatte sich in dem Garten einge- funden und sang sein Lied unter Begleitung der Surna. Es war in schmucklosen Worten die Geschichte seines Lebens, dir er vortrug; seine frühere Kühnheit in Verfolgung der räuberischen Lesghier, die Vorzüge des geliebten Sohnes, dessen Tod durch Feindeshand und die Rache, welche er an der Familie der Mörder genommen hatte. Er erzählte, wie nach der Ermordung Gregors die Reue über ihn gekommen sei und welchen Trost er im Glauben gefunden habe. Nicht ohne poetischen Aufschwung malte er die Eitelkeit des irdischen Daseins, und die Hoffung auf eine selige Zukunft, welche den Frommen und Bußfertigen jenseits des Grabes erwarte.
Zweimal schon hatte Rostom sein Lied gesungen und jedesmal nach dessen Beendigung war der kleine David im Kreise herumgegange», um in seiner Lammsfellmütze die Gaben des Mitleids für den chlinden Spielmann zu sammeln. Zufällig kam ein alter General mit zahlreichem Gefolge an die Stelle, die sich der greise Sänger ausgewählt hatte; die Originalität des Rhapsoden und dessen ehrwürdiges Aeußere machten seine Aufmerksamkeit rege und er rief den Dolmetscher heran, damit dieser ihm den Inhalt des vorgetragcncn Liedes j übersetze. Er vernahm aus dessen Munde, der Gesang sei die