Der Wanderer.
Vr. 19.
MctrMchcs Beiblatt W
Allgemeinen Zeitung.
Samstag -en 22. Januar
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Sasandar.
Eine transkaukasische Erzählung.
Nach dem Russischen des Dschegitoff von Fritz V. Fr.
(Fortsetzung.)
3.
Die Stadt Tiflis bot am 1. Juli einen ungemein schönen/ Mick dar. Trotz der unerträglichen Hitze — das Thermv- Mter zeigt hier selbst im Winter selten unter 3 Grad Wärme - wogte es überall in den Straßen von Menschen, und die ganze, ziemlich beträchtliche Bevölkerung hatte ihr Feierkleid «»gezogen. Es war Festtag.
Kikole hatte sich müde und ermattet auf das gastliche La- ä« geworfen und schlief fest, als plötzlich die Glocken der «ahen Kirche ihren metallenen Mund öffneten und die Gläubigen zum Gebet riefen. Erschrocken fuhr der Marketender in die Höhe, wie Jeder, der kein ruhiges Gewissen im Busen trägt, wild rollte sein Auge umher, und mechanisch griff seine Hand nach der neben ihm liegenden Waffe. Die Ruhe, welche in der Kammer herrschte und der freundliche Morgengruß des Wirthes, der seinen Kopf zur Thüre hereinstreckte, um nach dem Gaste zu sehen, beschwichtigten allmälig die Unruhe and Aufregung Kikole's und ließen ihn Fassung gewinnen. Er erfuhr, es sei heute Feiertag und willigte nach langem Sträuben ein, seinen Wirth zur Kirche zu begleiten und dann in einem der Gärten der Stadt mit ihm zu essen.
Seit seiner Flucht aus der Heimath hatte Kikole nur ein einziges Mal das Gotteshaus betreten und zwar eine be- icheidene Dorfkircbc, in welcher er sich mit Tassa trauen ließ. Die Pracht eines größeren christlichen Tempels war ihm noch «»bekannt.
Die Thüre der Kirche, vor welcher Beide bald standen, weit geöffnet, und wohlthuende Kühle strömte ihnen ans ^m Innern entgegen, in welchem, grell abstechend gegen die fast blendende Beleuchtung ringsum durch die Morgensonne, kl» feierliches Halbdunkel herrschte. Eine Menge brennender Kerzen, welche die Frömmigkeit vor den Heiligen-Bildern an- âejündet hatte, leuchtete wie funkelnde Sterne durch die Wol
ken von Weihrauch, womit die Hallen erfüllt waren. Kikole trat in dem Augenblicke ein, als der fungirende Priester, umgeben von der zahlreichen Geistlichkeit, die Stufen' des Altars bestieg und der Chor ein feierliches dreimaliges „heiliger Gott" erschallen ließ. Ein bis dahin unbekanntes Gefühl bemächtigte sich seiner und erschütterte das Gemüth des verstockten Sünders; eine unbeschreibliche Unruhe erfaßte ihn, und mit ihr erwachte das Gewissen und führte die geschlachteten Opfer an seiner Seele vorüber. Entsetzt starrte er nach dem hoch oben schwebenden Engel mit der Posaune; ihm schien es, als rufe die weiße Gestalt allem Polke hier zu, wer sich unter ihm berge. Gleich als sei er von Sinnen, stand er da, mit dem Rücken an die Seitenthüre der Kirche gelehnt, und sein gläserner Blick ruhte aus dem Altare; es war ihm, als habe sich eine schwere Last an seine Füße gehängt und eine unsichtbare Macht stoße den Verbrecher zurück, damit er durch seine Gegenwart nicht das Heiligthum schände, in welchem man eben im Begriff war, die geheim- nißvolle Erlösung des Menschengeschlechts zu feiern.
Unter den erhebenden Klängen einer getragenen Musik neigte Der Priester das Haupt gegen den Tisch im Allerhei- ligsten, auf welchem die Opfer aufgestellt waren und das auf dem Altar auSgebreitete, geweihte Meßtuch spielte, vom Winde bewegt, gleichsam Segen sprechend, um die Locken des Die- uers des Herrn. Es war ein feierlicher Augenblick und der Geist Gottes schwebte gewissermaßen sichtbar über der betenden Gemeinde.
In Kikole's Innerem wüthete ein fürchterlicher Kampf; die von ihm Gemordeten stiegen vor ihm aus dem Boden und streckten die knöchernen Hände nach ihm aus, oder zeigten auf ihre weitklaffenden Wunden; ihr lippeuloser Mund öffnete sich und rief dem geängsteten zu: Es gibt keine Verzeihung für so viel Missethat; weiche von hinnen, Verruchter, Du hast keinen Theil an der Erlösung! Kikole's Sinne verwirrten sich; es wurde ihm schwarz vor den Augen und kalter Schweiß trat auf seine Stirn; gleich wie von Furien gepeitscht, stürzte er aus dem Tempel heraus, ehe noch die
* Liturgie beendigt war nnd gewahrte nicht den blinden Ro-