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Der Wanderer.

Af. 18.

Kellctristisches Beiblatt zur

Allgemtilltll Zeitmg.

Freitag den 21. Januar

/«.r/r.

Sasandar.

Eine transkaukasische Erzählung.

Nach dem Russischen vcS Dschegitoff von Fritz V. Fr.

(Fortsetzung.)

In der Eolonie und der Umgegend waren Viele der Meinung, Kikole sei ein entlaufener Tuschine, der ohne einen Groschen Geld in der Tasche hierher gekommen, und zerbra­chen sich vergebens den Kopf, heranszugrübeln, auf welche Weise er wohl zu so ansehnlichem Reichthum . gelangt sein könnte. Geradsc machte einen ungewöhnlichen Aufwand, war jedoch bei alledem so genau und wußte sich so geschickt in die Umstände zu fügen, daß sich Niemand um sein früheres Le­ben weiter kümmerte. Seine Waare verkaufte er zu mäßi­gen Preisen, borgte, wo cs nöthig war Uod verfuhr bei Ein­treibung der Schulden mit Geduld und Nachsicht. Aus die­sem Grunde ließ ihn Jedermann unangefochten, und fragte nicht weiter danach, wer er eigentlich sei. Am wenigsten ver­muthete man in ihm den Mörder Bcdscham's, der nach voll­brachter That aus seiner Heimath entflohen war, um nicht dem Tuschiner Gerichte in die Hände zu fallen, das ihn an­statt zu der im Kaukasus nicht gebräuchlichen Knute, gewiß zu einem Spaziergang durch die Spießruten verurtheilt hätte, um ihn daraus nach Sibirien zu schicken.

Nach der Ermordung des Sohnes Rostom's hatte sich Kikole nach der georgimschen Hauptstadt Tiflis gewandt und nachdem er seine Filzmütze von sich geworfen, sich für einen Mingrelier ausgegeben. Anfangs lebte er vom Tagelohn, doch wurde ihm dies bald zuwider, und er verdingte sich als Gehülfe bei Simon Bekarow, dem Muchrowaner Regiments- Marketender. Der geringe Lohn, sowie die Sehnsucht, seine Lage zu verbessern, brachten ihn bald mit einer Bande Diebe aus dem tartarischen Revier, die er von Tiflis her noch kannte, in nähere Berührung. Seine gegenwärtige Stellung sicherte ihn vor Verdacht und mit großer Gewandtheit wußte er den Raub, den die Wegelagerer ihm anvertrauten, au den Mann zu bringen. Sein Geschäft erforderte es, sich von Seit zu Zeit von Hause zu entfernen, was seinem jetzigen

Brodberrn jedoch durchaus nicht gefiel; in der Rechnung zeig­ten sich auch manche Unrichtigkeiten, und Simon wurde, da alle Ermahnungen nichts fruchteten, endlich so aufgebracht, daß er eines schönen Abends, als die Garküche leer war, Ki­kole beim Kragen faßte, ihn tüchtig durchprügelte und dann mit der Drohung zum Hause hiuauSwarf, er solle sich nicht unterstehen, sich ferner noch hier blicken zu lassen. Der Un­vorsichtige ahnte nicht, was cs heiße, einen Tuschinen zu be­leidigen, und daß dieser eher alles Andere vergißt, als erlit­tene Kränkungen. Unglücklicherweise machte sich Simon einige Tage nach diesem Vorfall auf den Weg nach Kachetien, nm daselbst Wein einzukaufen, und nahm hierzu alle vorhandene Baarschaft mit. Die Gelegenheit, sich für den ihm angetha­nen Schimpf zu rächen, war zu günstig, um sie unbenutzt vorübergehen zu lassen; Kikole verließ daher beim Mondschein heimlich die Colouie und legte sich in einiger Entfernung von derselben am Ufer der Jora auf die Lauer. Es dauerte auch nicht lauge, so gewahrte er seinen herauziehenden früheren Herrn; er legte an, zielte, drückte los und Simon stürzte entseelt vom Pferde. Kikole sprang Herzu, bemächtigte sich des Geldes, band dem Leichnam einen Stein an den Hals und warf ihn in den reißenden Fluß; das Pferd des Ge­mordeten dagegen zog er in das Dickicht des Waldes und stach es dort nieder.

Nach vollbrachter That kehrte er unverzüglich nach Much- rowan zurück, woselbst Niemand seine Abwesenheit bemerkt hatte und deßhalb auch keinerlei Verdacht auf ihn fallen konnte. Gerades Weges ging er in die Garküche und sagte daselbst, der Herr habe ihm aufgetragen, während seiner Abwesenheit Allem vorzustehen. Es verging nun ein Tag nach dem an­dern, ohne daß der Erwartete heimkehrte; seine Verwandten fingen an, besorgt zu werden und Erkundigungen cinzuziehen, doch ihre Schritte waren natürlicherweise umsonst, denn der schlaue Tuschine war darauf bedacht gewesen, sein Werk im Dunkel der Nacht und von Niemanden belauscht, zu vollbrm- gcu. Er besorgte gewissenhaft alle Geschäfte in der Garküche : und übernahm diese sofort auf eigene Rechnung, als die A» * gehörigen Simons überzeugt sein mußten, derselbe sei nicht