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Der Wanderer.

Beiblatt ;ur Naffamschc« Allgemeinen Zeitung.

HK 15.

Vienstar; den 18 Januar

18S3

Sasandar.

Eine transkaukasische Erzählung.

Nach dem Russischen ves Dschegitoff von Fritz v. Fr.

(Fortsetzung.)

Die Straße, welche von Tiflis nach dem weiter östlich gelegenen Tclaw in Kachetien führt und Gambor berührt, er­hebt sich stufenweise und erreicht in einer Entfernung von sie­ben Werst den höchsten Punkt des Gebirgskammes, von wo aus sie sich dann wieder abwärts nach dem Flusie zu wendet. An der höchsten Stelle derselben thürmen sich zu beiden Sei­ten des Weges ungeheuere, kahle Steinmassen auf, deren Seitenstücke herabfallcnde Abhänge bilden. Sic sind die ei­gentlichen Gipfel der ganzen Kette, und von einem derselben vorzugsweise, der sich auf der Seite von Gambor her befin­det, beherrscht man die ganze Gegend. Von hier aus rollt sich das großartigste Panorama vor den Augen des Zu­schauers auf und er überblickt zu gleicher Zeit die reizenden malerischen Thäler des Kur, der Jora und Alafana. Gleich einer unermeßlichen Lasurschale ruht das Firmament, an dem sich auch nicht das kleinste Wölkchen zeigt, auf den Gamborer Bergen und den weiter bin gelegenen Zacken der Alpcnrcihe, die ähnlich mächtigen Säulen von Schiefer das blaue Him­melsgewölbe zu tragen scheinen. Die sich längs der genann­ten Gewässer htnziehendcn Gebirgsrücken erscheinen von dem erwähnten Punkte aus kaum wie lang hingestreckte Hügel- reihen und ein entfernter Fels, gekrönt mit den Trümmern einer fast unzugänglichen Feste, hat den Anschein, als wenn er sich nicht viel über das Thal erhöbe, während er doch, vom Fuße aus betrachtet, eine beträchtliche Höhe hat, und seine Ruinen von ihrem erhabenen Standpunkte aus verächt­lich aus die sie umlagernden niedrigeren Berge herabschauen. Einen neuen Reiz gewinnt das Amphitheater rings herum durch die nur dem Osten eigenthümliche Beleuchtung, welche die Massen des Gesteins in den mannigfaltigsten Farben stigt, und das verschiedene Grün der Wälder um so maleri­scher hervortreten läßt. Eingefaßt ist das ebenso grantige als entzückende Bild von einem Kranz von Bergen, unter de­

nen der schneebedeckte Kasbek alle anderen überragt. Vor die­sem Riesen des Kaukasus, doch weit näher, steigt, augelehnt an die Lissa Hora, um die herum die Pschawen wohnen, jen­seits der Kur eine Kette in die Höhe, auf welcher die Thürme von Kor Oglu gleich Wächtern ausgestellt sind und die kaum eine Stunde entfernt zu sein scheinen; links erblickt man in der Ferne den majestätischen Berabeal, in dessen ungeheueren Formen sich das Sonnenlicht in den reizendsten Verwandlun­gen spiegelt, und doch weiter hin nach derselben Seite den trüb unzogeucn Gipfel der Ziwa, deren Schneemassen kaum der Gluth der Junihitze weichen. Die Nordseite des Rund­gemäldes bilden die finsteren Berge des Kaukasus, welche in dicht zusammenhängenden Schatten ihre Hörner in den Him­mel strecken. Ein massenhaftes Wolkengebirge lagert auf ihnen, andere ziehen an ihnen vorüber und hüllen stellenweise das Alasaner Thal und die dasselbe einfassenden Höhen in ein ungewisses Halbdunkel, auf das nur hie und da grelle Streiflichter fallen, welche dem Ganzen dann noch einen Zau­ber mehr verleihen.

Mit vieler Mühe hatte Rostom den Gipfel erklommen, der eine so entzückende Aussicht gewährte; doch nicht die Reize einer großartigen Natur waren es, welche ihn dahin gelockt hatten. Was lag ihm auch an der erhabenen Schönheit des Gcbirgs-Panorama's zu seinen Füßen, was kümmerten ihn die romantischen Schluchten und lieblichen heiteren Thäler, die ihm freundlich zuzulächeln schienen? Niedergebückt auf einen ungeheueren Stein, der ihn den Blicken der Vorüberziehenden verbergen sollte, lag er unbeweglich da, wie ein hungeriger Wolf, der auf Beute lauert unb sein weitgeöffnetes Auge war starr auf den Weg gerichtet, der- sich von Gamhor aus herauf­schlängelte. Blut, Rache! schrie es in seinem Innern nnd die Wunder der schönen Gotteswelt, die sonst ihren Einfluß selbst auf den rohesten Menschen geltend machen, fanden bei Rostom keinen Widerklang. Einen Menschen nur suchte er in dem unermeßlichen Panorama, und zwar denjenigen, dessen Herz­blut er sehen mußte, um seinen Rachedurst zu stillem

Zwei lange, lange Stunden hatte Rostom bereits gelauert, * ohne seines Opfers ansichtig zu werden und war Jedesmal in