Der Wanderer.
Beiblatt W Nassauische» Atlgemeiuca Zeitung.
Ar. 13. Samstag den 13 Januar /s^»
Der Drachenkopf.
Inmitten eines, wenn auch bis jetzt in seinen Phänomenen südlicheren Breiten entlehnten Winters mag cs wohl gestattet sein, sich zurückzudcnkcn in die sonnigen Tage der schönen Jahreszeit, und in dieser Rückerinnerung Trost für die Gegenwart, ahnende Hoffnung für die Zukunft zu schöpfen. Liegt cs doch so tief begründet in menschlicher Art und Weise, mit dem Vorhandenen unzufrieden zu sein und Versagtes mit Sehnsucht herbeizuwünschen.
Wir denken uns also zurück in einen der vielen herrlichen Sommertage, die das Jahr, welches wir vor wenigen Tagen geschlossen, auszeichneten, in den Beginn des Monats Junius. Der Schauplatz: jenes fast südlichen Charakter tragende Weingelände, welches die östlichen Ausläufer des keltischen Gebirges von dem Donaustrande bis hinter Gloggnitz (wo die letzten Rebenstöcke stehen) zu einem Lieblingsort der Göttin Flora macht. Hier begnen sich, wie unsere Weisen, unsere Kräuterkundigen sagen, die Floren der vier Weltgegenden. Von Ungarn herauf dringt die ost-europäische kaukasische; von dem mährischen Mittelgebirge, durch dessen südliches Gesenke am Bisamberge die Donau den Durchbruch bewerkstelligt hat, die norddeutsche Flora vom Südeck über die Alpen herüber kommen südliche Fremdlinge ; dem Laufe der Donau folgend, besuchen unsere Fluren die Blumen West-Europas. Wer den Reichthum der Flora von Wien kennen lernen will, mag sich der mühsamen Arbeit Neilreichs bedienen; er wird daraus ferner erfahren, daß die Umgegend Wiens eine Anzahl von Gewächsen beherbergt, welche launischer Weise nur auf einzelnen Standorten finden. Um nur einige Beispiele anzuführen, wer weiß es nicht, daß das sogenannte „Frauenschucherl" (Cypripe- dium calceolus)nm auf den Wiesen vom Leopoldsberge hinab gegen Klosterneuburg und am Bisamberge, die kugelförmige Orchis (globosa) nur im sogenannten Güterthal bei Kalks bürg vorfindig ist.
Am erwähnten Juniustage (es war ein Sonntag) schritt ein junger hübscher Mann ,. Md die umgeschwungene Botani-
sirbüchse kennzeichnete ihn als einen Kräuterkundigen, langsam und nicht ohne Beschwerde die steile Anhöhe hinan, welche sich südwärts von der sogenannten Waldmühle bei Rodaun erhebt und zu dem sogenannten Gaisberge führt. Der Gais- berg scheint aber ein Collectivname für eine Anzahl von Bergkuppen zu sein; so viel ist wenigstens gewiß, daß man auf seinem Gipfel mehrere gesonderte Spitzen bemerkt, welche als vorderer und Hinterer Föhrenkogel, Bierhäuselberg, Paraberg u. s. w. in der Volkssprache vorkommen. Die schönen Anlagen eines bekannten Wiener Arztes, welcher dieser reizenden Partie seine vollste Aufmerksamkeit angedeihen ließ, beginnen zu verwildern, gleichwie die ähnlichen in einem benachbarten Orte, wo sie nicht mehr in den Händen des Gutsbesitzers sind.
Dem sei, wie ihm wolle, unser junger Mann schritt, auf der Höhe der Einsattlung angelangt, dem nördlichsten Kogel, dem sogenannten vorderen Föhrcnberge, zu und begann daselbst mit einer so großen Genauigkeit die Untersuchung des Terrains, daß dieselbe wohl einen nicht unwichtigen Grund haben mußte. Die herrliche Aussicht, die man von der besagten Spitze aus genießt, schien ihn wenig anzusprechen, desto eifriger war er bemüht, zwischen dem Felsengewölbe die Pflanzen aus ihrer Ruhe zu stören und setzte die Aufsuchung einer unbekannten Größe mit einer Beharrlichkeit fort, welche mit der Fruchtlosigkeit seines Beginnens in gleichem Verhältnisse zu stehen schien.
Als er die ganze Kuppe ringsum untersucht hatte, begann er die Sysiphus-Arbeit von Neuem mit einer Standhaftigkeit,, die eines bessern Zieles würdig gewesen wäre.
Nach mehr als einer Stunde fruchtloser Mühen setzte sich der junge Mann auf den Rasen, trocknete.den Schweiß von der Stirne und verfiel in tiefe& Nachdenken. Seine Züge waren ernst, und es mochte fast scheinen als sei hier mehr getäuscht worden, als die Hoffnung; des- Botanikers auf eine seltene Blume.
Endlich erhob er sich langsam und ging verdrießlich den Weg hinunter in die Walkmühle, von da nach Rodaun unb im Thäle der Liesing, auswärts bis zu. dem mitten im duften---