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Der Wanderer.

Deiblatt ;ur Uafaisdjcn Allgmcmtli Zeitung.

Nr. 11.

Donnerstag -en 13. Januar

18.53

Ammi

Eine Geschichte aus dem Hunsrücker Hochlande.

(Fortsetzung.)

Der Weg nach dem Dorfe führte durch den Wald. Als ihn Bender erreichte, bog er links ab und ging in den dichte­sten Theil des jungen Schlags, wo er sich am Stamme einer einzeln stehenden Eiche niedersetzte und den Kopf, der sorgen­schwer war, in die Hand stützte. Ein tiefer Seufzer arbeitete sich aus seiner Brust hervor. èVas' er heute erlebt, war so bedeutsam und wichtig, daß es sein Innerstes in Aufruhr brachte. Zunächst machte sich sein Zorn über den groben Maire Luft. Der hätte doch manierlicher sein können! Ihm so mir nichts dir nichts unter die Nase zu sagen, er sei ein Esel, das war mehr, als ein Mann vertragen konnte, der nichts anders wußte, als daß er sehr klug sei, und der über­zeugt war, es mache Niemand seine Sache besser als er. So schwer indessen das zu verwinden war, so blieb doch nichts übrig, als den Acrger zu verschlucken. Das aber plagte ihn über die Maßen, daß der grobe Maire das auch dem alten Bauer­mann gesagt, und daß der es wußte. Hier rieth die Klug­heit, den Bauermann sich nicht aufs Neue zu verfeinden; denn wurde der erst recht zornig, so erfuhr's das ganze Dorf, und stand er dann nicht geradezu am Pranger?

Das zweite aber, was Bender im Kopfe herumging, war, daß es nun in Frage stand, ob, wenn Stoffel solche Aussich­ten hatte, er nicht am Ende die Lene heirathete; denn er ging sehr oft dorthin, daß wußte er genau. Wär's da nicht klug, Ammi zurückzurufen?

Endlich bewegte ihn die Frage, ob er nicht auf irgend eine Weise mit Bauermann sich aussöhnen könne? Seit Jah­ren hatte er nicht bei ihm mahlen lassen, weil er den alten Pick auf ihn hatte. Er sann nach, wie das zu machen sei, ohne daß es Aufsehen errege. Zuletzt kam er darauf hinaus, wenn Ammi zurückkehrte und er ihrem Umgang mit Stoffel nichts in den Weg lege, werde das sich unter der Hand ge­ben. Und so verhärtet war Bender auch nicht, daß er nicht längst sein rauhes Wesen gegen Ammi bereut hätte. Als er

darum mit seinen Ueberlegungen so weit war, that es ihm im Herzen wohl, dem Gedanken Raum geben zu können, sein einziges Kind wieder nm sich zu haben. War's doch schier dreiviertel Jahre, daß er Ammi nicht mehr gesehen hatte! Und wie oft hatte er das Bedürfniß gefühlt! Aber ein Gedanke, der mit diesem Aber durch seine Seele fuhr, er­schreckte ihn. Er kannte Ammi und ihre Festigkeit. Würde sie kommen, wenn er es ihr sagen ließe? Lange saß er in tiefem Sinnen; dann stand er auf, er hatte den Ausweg ge­funden. Zu der alten Goth wollte er morgen gehen; die mußte in die Stadt und alles ausgleichen. Dann wollte er den Wagen anspannen und Ammi selber holen. Hatte sich ja doch, seit Hannjost in seinen Briefen sich wieder an Lenen gewendet, auch sein Verhältniß zu Ammi geändert, und ohne Furcht, daß man ihn hänsle, konnte er die Hand zum Frie­den reichen. Glücklicher als seit langer Zeit kehrte Bender heim. Sanfter und ruhiger hatte er seit jenem Hochzeittage nicht geschlafen. Als er am andern Morgen aufstand, war es ihm so wohl, so leicht im Herzen, daß er hatte singen und pfeifen können. Alles Bittere, was er beim Maire ge­hört, war verschwunden, und leichten Herzens ging er bei Zeiten zu Ammi's Goth hinüber nach dem nächsten Dorfe.

Unfern desselben begegnete ihm der alte Pfarrer, der viele Jahre lang sein Seelsorger gewesen war, und auf den die Gemeinde noch ungemein viel hielt. Dem alten Geistlichen konnte nichts erwünschter kommen, als daß er Bender einmal traf. Er hatte ihm so vieles zu sagen, daß er kaum wußte, wo er beginnen sollte. Dem Bender war's nicht recht ge­heuer, denn er wußte, der alte Pfarrer war, wenn er auch den Napoleon und die Franzosen nicht leiden konnte, doch des Maire's Freund und verkehrte viel mit ihm. Hätte er ahnen können, daß vieles von dem, was der Maire so ganz arglos hingeworfen in der gestrigen Unterredung, mit dem Pfarrer verabredet war, er würde jetzt aus den Eisen geschlagen ha­ben; aber darüber lag der Schleier des Geheimnisses und nie hob ihn eine Hand.

Nach dem herzlichen gegenseitigen Gruße fragte der Pfar­rer, wohin er wolle, und Bender sagte es offen. Mit gro-