Der Wanderer.
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W. 10.
Mittwoch den 12. Januar
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3 m m i.
Eine Geschichte aus dem Hunsrücker Hochlande.
(Fortsetzung.)
Nie hatte Bender in dem Grade den Bauern geschmeichelt als jetzt, nie hatte er sich so eifrig den Schein eines tieferen Wissens um die Angelegenheiten der Gemeinde gegeben wie jetzt. Er verschmähte es nicht, des Verstorbenen Handlungen zu tadeln und sich darüber auszusprechen, wie dieß und jenes hätte anders und für die Gemeinde vortheilhafter eingeleitet, ausgerichtet und gemacht werden können. So bestellte er den Boden zunächst. Endlich entschloß er sich, zum Maire selber in die Stadt zu gehen. Dieser war ein alter, erfahrener Mann , der, ein Laudeskind, die Jusaßen seines Verwaltungsbezirkes sehr genau kannte, aber auch die Eigenschaft hatte, rund und derb das zu sagen, was er für geeignet hielt.
Eines Tags kam Bender in seine Privatwohnung; auf der amtlichen Schreibstube hätte er ihn nicht allein sprechen können. Mit großer Höflichkeit und gewinnender Freundlichkeit trat er ein und seine Verbeugung war um vieles tiefer als sonst. Der Maire hatte ihn auf der Stelle durchschaut, und gerade bei guter Laune, wollte er einmal die Windungen kennen lernen, die hier List und Schlauheit mache, um das zu erstrebende Ziel zu erreichen.
„Wie geht's, Bender?" fragte er freundlich. — „Wie sollt's gehen, Maire! So so, la la! — Ich denke, wir haben ein gutes Jahr vor der Hand: wenn snur der Krieg nicht wäre'" — „Der ist weit von uns," sagte der Maire lachend, „und der Kaiser hat den Sieg an seine Adler geheftet." — Bender, der gut deutsch gesinnt war, hier aber einem Maune gegenüber stand, der den Franzosen anhing und ihnen seine Stellung verdankte, zuckte die Achseln und sagte trocken: „Man sollt's meinen!"
„Ueberdieß", fuhr der Maire fort, „wird die Eroberung Rußlands des Kaisers Weltherrschaft die Krone aufsetzen." — „Was kann man sagen?" war Benders Antwort. „Unsereins versteht das nicht."
„Da habt Ihr Recht," versetzte der Maire. „Ich khnn's auch gar nicht billigen, wenn der Bauer sich in derartige Dinge mischt." — „Das ist richtig," meinte Bender; „unsereins hat Besseres zu thun. In der eigenen Gemeinde ist zu thun genug." — „Gewiß; aber sagt einmal, wie sprechen sich denn eure Leute über den Mann aus, der Syndik werden soll?" — „Da wär' viel davon zu reden, Herr Maire", sprach Bender ernst und mit dem Scheine großer Unparteilichkeit. „Hätte die Gemeinde zu wählen, so wüßt ich schon, wer's nicht würde. Und doch soll er Himmel und Erde bewegen." — „Wer denn?" — „Der Müller Bauermann." — „Hört", versetzte dee Maire, „ da seid Ihr auf einer falschen Fährte. Ich halte den Müller für einen der bravsten Männer eurer Gemeinde und für einen sehr verständigen dazu. Schon damals, als Weierich es wurdet, wollte ich ihn dazu haben; aber er hat'ö rund abgeschlagen, und erst vorgestern hatte ich ihn dazwischen, daß er jetzt das Amt annehmen solle. Was meint Ihr, was er sagte?"
„Menschengedanken kennt man nicht," erwiederte Bender; „aber damals hat er ja doch den Weierich empfohlen." — „Das ist gelogen!" platzte der Maire heraus und lief roth an, denn er war ein hitziger Mann. — „Gelogen?" fragte Bender erstaunt und betroffen.
„Ja, gelogen!" fuhr der Maire fort. „Er sagte damals zu mir: der Weierich ist ein Tuckmänser, der so seine Schliche geht und sich selber nicht vergißt. Und was er da gesagt hat, hab' ich wahr gefunden. Nein, Euch schlug er damals vor, als ich ihn fragte, Euch, und Ihr meintet — ich hab's wohl oft gehört — er habe Euch schwarz gemacht. Ihr habt Unrecht an dem braven Manne gethan, während Ihr und der Weierich unter dem Tische spielet. — Ihr habt ihm viel ab- zubitten, Bender, das sag' ich Euch." Bei diesen Worten sah ihn der Maire so scharf an, daß er die Augen niederschlagen mußte. — „Und vorgestern, als ich ihn wieder fragte, ob er die Stelle denn jetzt nicht annehmen wolle, sagte er fest und bestimmt nein. Er meinte, ein Aemtchen sei für einen Bauersund Geschäftsmann ein Unglück, wenigstens für einen wie er. Er habe, sagte er, sein Geschäft jetzt so im Schwünge und