Einzelbild herunterladen
 

Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt M Manischen Allgemeinen Zcilnng.

Ar. 9.

Dienstag den 11. Januar

/m

A m m i

Eine Geschichte aus dem Hunsrücker Hochlande.

(Fortsetzung.)

Dender war seltsamerweise gar nicht erzürnt über seine Tochter. Jener Blick, den er in der Kirche in seines einzi­gen Kindes todtbleiches Antlitz gethan, hatte in seine Seele mitten hinein gegriffen, so eiskalt, so erschütternd, daß er hätte ausrufen mögen:Ammi, komm zurück!" Und als er vor ihr stand, noch ergriffen von der Macht des eben empfangenen Eindrucks, und sie ihm so lange in die Augen sah mit der reichen Liebe und dem unendlichen Schmerz eines Kindesher- zcns, das zum Acußcrsten gebracht, sich verstoßen und vom väterlichen Fluche belastet glaubt, da war aller Groll ver­schwunden und die tiefste Reue erfüllte sein Herz, daß er so hart gegen sie gewesen und sie zu einer Ehe hatte zwingen wollen, die in sich selbst eine fluchbelastete gewesen wäre. Er würde sie jetzt zurückgerufen haben, wenn er den noch in ihm waltenden Bauernstolz hätte besiegen können. So ein reiches Bauernherz ist zähe und eisenfest. Er glaubte sich etwas vor den Leuten zu vergeben, wenn er sich schwach zeigte. Auch glaubte er, Ammi sei zu weit gegangen, daß sie das Vater­haus verlassen, ehe sie gewußt, wie er ihren Schritt ausge­nommen. Endlich aber fürchtete er, sie möchte sein Zurück- rufen als eine Billigung ihrer Liebe zu Bauermanns Stoffel ansehen.

Es war aber doch eine Veränderung mit ihm vorgegan­gen. Er ging seitdem ganz gebückt einher; er führte, wenn die Gemeinde bei einander war, nicht mehr, wie sonst, das große Wort, und war nicht mehr so unzufrieden mit allen Schritten des Municipalraths und der Gemeindeverwaltung. Er kam nicht mehr, wie sonst, in die Majen am Sonntag Nachmittag und Abends in der Woche. Still und für sich lebte er und die tüchtige Magd, die er hatte, führte ihm seine Haushaltung zur Zufriedenheit. Nur sein Kind fehlte ihm, und das konnte er kaum verwinden. Die Stadt, wo Ammi diente, vermied er; aber ihre Kiste mit Allem, was sie noch

daheim hatte und bedurfte, schickte er ihr nach mit dem Zu­fügen: er wolle nicht, daß sie Mangel habe.

Stoffel war der Glücklichste. War er schier gestorben vor Leid, als er hörte, Ammi sei znr Kirche gezogen mit Hann­jost, so lebte er jetzt neu auf und die Hoffnung gewann wie­der Naum in seiner Seele. War auch die Trennung schmerz­lich, so sah er sie doch öfter in der Stadt, als er sie im Dorfe gesehen hatte, seine Ammi, deren Treue die Feuerprobe bestanden. Lene aber glich der vom Sturme geknickten Lilie. War sie auch vollkommen vertraut mit dem was Ammi thun wollte, die Genugthuung, die ihr dadurch zu Theil wurde, war ihr ein Stich in's Herz, weil sie eine so schreckliche De­müthigung und Schmach für Hannjost in sich schloß. Und als er nun gar plötzlich verschwand und unter die Soldaten ging, da brach ihr schier das Herz; denn der Zettel, den er den Eltern zurückgelassen und dessen Inhalt im Dorfe sogleich bekannt geworden war, hatte es ja ausgesprochen, daß er seine Schuld fühlte und sein Unrecht erkannt hatte. Und die, sie.allein aufrichten konnte, fehlte ihr, die treue Freundin, die sie so gewaltig gerächt hatte. Die Rosen kehrten gar nicht zurück und es schien, als zehre ein tiefer Gram an ihrem in­nersten Lebenskeime. Es wäre ihr eine Seligkeit geweseu, wenn sie zu den Eltern Hannjost's hätte gehen können, nm sie zu trösten und Trost zu finden für sich selber, aber sie wagte das nicht.

Unter diesen Umständen floß der Winter träge hin. Der Komet, dessen Schweif nach Frankreich hineinstand, gab den Leuten viel zu denkeu, und der alte Aberglauben, als habe ihn der Herr als ein prophetisches Zeichen an den Himmel gestellt, hindeutend, wohin sich die Zuchkruthe seines Strafge­richtes wenden werde, faßte gewaltig Fuß unter den Bewoh­nern des Hochlandes, die im innersten Herzen den wälschen Drängern feind waren. Als sich die Kunde von Napoleons gewaltigen neuen Kriegsrüstungen auch zu ihnen schlich, da prophezeiten sie dem Würger den Untergang, weil der Komet eS bestimmt vorgebildet habe.

Durch die rastlosen Bemühungen des menschenfreundlichen Unterpräsecten in Simmern war es endlich gegen Ostern