Der Wanderer.
Beiblatt ;ur
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Allgemeiiicii Zeitmg.
Dienstag den 4. Januar
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Eine Geschichte aus Dem Hunsrücker Hochlande.
(Fortsetzung.)
Hannjost, des Syndiks Weierich Sohn, der einzige, der ihm von neun Kindern geblieben, war so ein Haupthahn. — Eben der Umstand, daß ihnen so viele Kinder gestorben waren, sammelte in diesem letzten der Eltern ganze Liebe, und dieß war sein Unglück. Verzogen wurde e~ von Kindheit auf, jeder Wunsch wurde ihm erfüllt. Er hatte immer Geld genug in der Tasche, seine Wünsche zu befriedigen, und thats auch, ohne daß ihm die blinden Eltern etwas dagegen sagten. Er war Herr seines Willens und machte es lediglich und immer, wie er selber wollte. So war er ein lüderlicher Gesell geworden, der seine Leidenschaften allein maßgebend sein ließ für sein Thun, und die Leute im Dorf nannten ihn nur „Weierichs Zuchtruthe". Er hatte viele Mädchen nachgeführt, aber alle wieder fahren lassen. Um Benders Ammi strich er lange herum, aber das Mädchen führte ihn ab, daß cs eine Lust war, und es gehörte entweder die ganze Unverschämtheit Hannjosts dazu, oder eine wahnsinnige Liebe, dennoch wieder zu kommen.
Endlich wurde er's denn doch müde. Vielleicht gefiel ihm auch die herrlich erblühende Lene, die alle Welt als die Krone des Dorfes pries, besser. Er warb um sie, und Leue, die ihn längst geliebt, erhörte seine Liebcöbitten, und der alte Weierich sah's nicht ungern, obwohl er die rasche Ammi lieber als Schnur gehabt hätte, der er eine größere Macht zu- traute, den Wildfang zu bändigen und ihn zu einem braven Manne zu machen. Er war vollends zufrieden, als Lene so starken Einfluß aus den Burschen ausübte, daß er seitdem wirklich ein ganz anderer Mensch geworden zu sein schien.
Da brach er plötzlich mit dem holdseligen Mädchen, und der Vater und die Mutter standen so verblüfft da, wie alle andern. Als sie ihn fragten, wies er sie zornig und ungezogen ab. Damit war die Geschichte für sie saus; denn leider war es so weit gekommen, daß sie es nicht mehr wagten dem Burschen mit dem Ansehen der elterlichen Würde
entgegen zu treten. Fast weinend sagte der alte Weierich zu seiner Frau: „Das ist die Folge davon, daß wir vergaßen, was im Heidelberger Katechismus steht, daß Gott die Kinder durch der Eltern Hand regieren will. Und Salomo und Sirach so gut wie der Apostel Panlus haben uns umsonst geschrieben, was wir thun sollten. Nun ernten wir das Krenz!" Die Mutter seufzte und schwieg. Wer von beiden am meisten Schuld trug, war schwer zu sagen. „Ich wollt' lieber, er wär' Soldat geworden!" klagte der Alte. „Versündige dich nicht!" sprach die Mutter; „du weißt doch noch, wie du mit dem vollen Kronenthalersäckel nach Simmern liesst und mit dem leeren zurückkamst! Und gib Acht, es legt sich wieder bei.
Aber es legte sich nicht bei. Wenn auch Scham und Reue Hannjosts Herz zerriß, sein Bauernstolz ließ eine Rückkehr nicht zu. An Lenens Haus ging er vorüber wie ein Dieb, und wenn er sie sah, blickte er an den Boden. Sein Ucbermuth war gebrochen; daher bekamen denn auch die Leute den Muth, ihren Tadel laut und scharf auszusprechen. Es geht aber auf einem Dorfe wie in der Stadt. Eine zeitlang redete alle Welt von der Geschichte; dann ward's still und weil Lene nicht starb, wie manche Halten wetten wollen, sondern, wenn auch mit schmerzlicher Ueberwindung, ihr LooS trug, so wurde nach einem halben oder ganzen Vierteljahr nichts mehr von der Sache geredet.
Es war gegen Martini, als eines Sonntags Mittags der alte Syndik Weierich in Benders Haus trat. Bender war allein und saß am Tisch und kramte in seinen Papieren, Schuldscheinen, Quittungen vom laufenden Anno. „Stör' ich dich, Peter," sagte Weierich, „so sag's; so komm ich ein andermal wieder." — „Nein, setz' dich, Gottfried," war Benders Antwort. Er raffte seine Papiere zusammen, stieß sie auf dem Tische gleich, band sie zusammen, legte sie in das Schränkchen von Kirschbaumholz, daS in der Ofenecke fest gemacht war, schloß ab und setzte sich zu dem Syndik. — „Was führt dich zu mir?" fragte er.
„Ein Geschäft," sprach der Syndik. „Jst's just hier?" fragte er, sich umsehend. „Es ist für dich allein." — „Wenn