Der Wanderer
Deiblatt ;ur Nassamschen Allgemeiiiea Zeitung.
H>. 306.
Dienstag den 28. December
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Engen Stillfried.
Von F. W. Hackländer»
(Fortsetzung.)
Der Jitstizrath hatte den unberufenen Sprecher anfänglich lächelnd und überraschtangeschaut. Bald aber verschwand die Freundlichkeit von seinem Gesichte, und es lagerte sich ein finsterer Ernst darüber. Er war im Begriffe, den^jungen Mann über diese Einmischung scharf zurecht zu weisen, blickte aber vorher auf den Freiherr» von Brander, um dessen Zustimmung gewiß zu sein.
Der Major aber machte ein ziemlich verlegenes Gesicht und zuckte die Achseln.
Herr von Steinbeck schien sich seiner eigenen Festigkeit zu freuen, mit der er ausgetreten war, und da ihn der Justiz- rath, einiger Maßen zurückgehalten durch die Pantomime des Majors, nicht augenblicklich mit seiner scharfen und gewaltigen Zunge niederschlug, so wandte sich der junge Mann keck an den Verwalter und sagte zu ihm: Lassen Sie hören, was Sie schreckliches auf dem Herzen haben. Wir gehören, so zu sagen, mit zur Familie und glauben jetzt schon ein Recht zu haben, nach wichtigen Vorfällen in derselben zu fragen.
Den Jitstizrath hatte eine seltsame Angst erfaßt, welche den Zorn über das Benehmen des Herrn von Steinbeck überwog. Sein Auge hing an dem Munde des alten Mannes, und als ihn der Major beschwichtigend bei der Hand ergriff, die er krampfhaft zusammengeballt, sagte er nach einem tiefen Athemzuge mit kaum vernehmlicher Stimme: So reden Sie.
Fräulein Rosalie — sagte der Verwalter; Fräulein Rosalie — wiederholte er.
Was ist mit ihr?
Sie ist fort — entflohen.
Barmherziger Himmel! rief der Justizrath und wollte an dem Verwalter vorbei nach der Thüre stürzen.
Der Major hielt ihn zurück.
Rosa Immergrün war mit einem lauten Schrei in ihren Fauteuil gesunken, dem sie sich, etwas AehnlicheS vorauösehend, langsam wieder genähert hatte.
Herr von Steinbeck trat mit einem lauten: Ah! einen Schritt zurück.
Entflohen! — sagte abermals der alte Mann, indem er sich an den Justizrath wandte, der dicht vor ihm stand und ihm wie verwirrt ins Auge sah. Entflohen — heute Abend entflohen, wahrscheinlich kurz, ehe die Wagen in den Schloßhof gefahren sind. Eben vorher habe ich sie selbst noch gesehen.
Der Justizrath kämpfte gewaltsam mit sich selbst, um im Aeußeren seine Fassung wieder zu erlangen. Wenn er auch gleich darauf wieder ruhig sprach, so sah man doch deutlich an seinen zuckenden Lippen, an der Todtenblâsse, die sein Gesicht überzogen, welch furchtbarer Kampf diesen harten Mann im innersten Herzen durchwühlte.
Er hatte darauf die Kraft, sich mit einem halben Lächeln gegen Herrn von Steinbeck umzuwenden — denn es fiel ihm ein, daß er hier nichts mehr als den Geschäftsmann der StaatS- räthin vorstellen dürfte —, um dem jungen Manne zu sagen: Das ist ein merkwürdiger Fall. Man muß es vor der Hand der unglücklichen Mutter verschweigen.
Freilich ein höchst merkwürdiger Fall! entgegnete Herr von Steinbeck in .scharfem Tone, indem er sich an den Verwalter wandte. Man müßte doch eine Ahnung davon haben, wohin Fräulein Stillfried entflohen ist, ob allein, — ob in Gesellschaft.
Der Justizrath warf ihm für diese Frage einen Blick des tiefsten Hasses zu.
WaS ich thun konnte, sagte der alte Mann, das ist geschehen. Ich schickte augenblicklich Leute hinab ins Dorf und auf verschiedenen Wegen fort, die von dem Schlosse ins Land führen; doch erhielt ich bis jetzt keine Nachricht. — Aber wenn ich recht höre, so kommt Jemand eilig den Gang daher.
So war es denn auch; man sah einen der Jäger des Schlosses hastig den langen Korridor herab kommen. Der Verwalter wollte ihm entgegen gehen, doch bat ihn Herr von Steinbeck, den Boten eintreten zu lassen. Denn auch uns ist es interessant, sagte er mit Betonung, von diesem Unglücke etwas Näheres zu vernehmen.