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I

Der Wanderer.

Kellciristlschks Dcidlatt )nr Laffanischm AllgcAemei Leitung.

,H>. 290. Mittwoch dc» 8. Necemder /«.»».

Eu^en Stittfried.

Von F. W. Hacklanvcr.

(Fortsctzniig.)

Einen Augenblick betrachtete daS Mädchen den jungen Mann, dessen Ange voll Thränen zu ihr empor blickte; dann zog ein unnennbar freudiges, glückseliges Lächeln über ihre bleichen Züge; sie reichte ihm beide Hände dar, und als er sie ergriff, zog sie ihn willenlos, aber gewaltig zu sich in die Höhe, warf sich alsdann heftig in seine Arme und ein Strom wohlthätiger Thränen tropfte. von ihrem Gesichte herab auf seine Brust.

I Lauge hielten sich die Beiden so fest und innig umschlos- ' len, und als darauf Rosalie freudig lächelnd ihren Kopf er­hob, um auf dem Gesichte ihres Bruders Zug um Zug neu­gierig und emsig zu studiren, da bemerkte Eugen, daß der alte Verwalter verschwunden war und sie sich allein in der Capelle befanden.

Komm! komm! sagte nun das Mädchen nach einer länge» ' reu Pause; laß uns hinaus in die freie Luft; cs ist mir hier zu eng. Die Mauern , das Gewölbe drücken mir das Herz : zusammen. * bind dann nahm sie ihn bei der Hand und führte ihn zur Capelle hinaus, um das Chor herum, auf eine kleine Steinbank, welche hinter dem Kirchlein angebracht war, dicht an der Ringmauer deS Schlosses, und wo sich die Bei­den uicderscßten; hinter sich die hohen, spitzen Fenster des Chores, vor sich die weite herrliche Landschaft in dem Abend- founenscheine, reich vor ihnen ausgebreitet in ihrer herbstlichen Färbung.

Das Mädchen hielt Eugen's Rechte mit ihren beiden klei­en Händen und schaute ihm fortwährend forschend und glück- felig ins Gesicht.

Wir überlassen die Geschwister ihren Mittheilungen, die von Rosaliens Seite so aufrichtig, von Engen mit begreiflicher Zurückhaltung gemacht wurden.

Eugen war lange nicht so glücklich gewesen, wie an diesem ^enb. Bisher hatte das Bild der unbekannten Schwester ^ie ein finsterer, urhcimlichcr Geist vor ihm geschwebt, er hatte sich davor gefürchtet, sie einsten- zu treffen. Wie würde

er sie finden wie konnte sie sein? Jetzt hatte er sie so ganz unverhofft gesehen, sie gefunden, so schön, so lieb, so gut! Sie hatte sich vertrauensvoll in seine Arme geworfen, die Stimme ihres Herzens hatte sie an die Brust des Bru­ders geführt, und jetzt, nach dem Verlauf einer Stunde, war cs ihm, als habe er sie von jeher gekannt, jetzt saßen sie hier zusammen, sich herzlich liebend, wie die Kinder Eines uud des­selben Vaters.

Als sie durch das Hauptthor nach dem Schlosse zurück, gingen, meinte Eugen, er sehe Jemanden in dem Schatten des Brückenpfeilers sitzen. Doch war es schon zu dunkels, um die Gegenstände unterscheiden zu können. Er führte die Schwe­ster nach Hanse, wünschte ihr herzlich eine gute Nacht, indem er ihr versprach, morgen wieder zu kommen, und verließ träu­mend den Schloßhof.

Als er abermals über die Brücke ging, sah er, daß er sich vorhin nicht getäuscht hatte; es saß dort wirklich Jemand, und dieser Jemand war Herr Siedel, der hier seinen Freund zu erwarten schien.

Engen war erfreut über dieses Zusammentreffen und trat rasch auf den lustigen Rath zu, ihm freundlich einen guten Abend bietend.

Doch Herr Sidel trat einen Schritt zurück und wehrte mit der Hand von sich. Eugen wußte nicht, was dies zu be­deuten habe, und glaubte, er irre sich vielleicht; doch war es der lustige Rath daran konnte Niemand zweifeln, der jetzt sich rasch umwandte und hastig dem Freunde voraus den Berg hinabzusteigen begann.

He! rief Eugen ihm zu, was soll denn das heißen? Was fliehst du hier davon wie ein Schatten? Bist du cS, oder ist es nur dein Geist, der mir hier erscheint, um mich vor etwas Schrecklichem zu warnen?

Da hätte ich früher kommen müssen, sagte jetzt der lustige Rath mit sehr ernster Stimme, und blieb an der Biegung des WegeS stehen.

Diese Predigt hätte ich heute nicht mehr erwartet! sagte laut lachend Eugen. Aber Scherz bei Seite, was willst du?