Der Wanderer.
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Beiblatt Ml Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
Ar. 284.
Mittwoch den 1. December
18M.
Eugen Stillfried.
L » » F. W. Hackläudrv.
(Fortsetzung.)
Kaum hatte der getreue Pierrot in ernstem und bestimmtem Tone seinen dringenden Wunsch ausgesprochen, von der für ihn so passenden Rolle verschont zu bleiben, als ihn der Director streng, fast finster ersuchte, sich vor allen Dingen der Regeln der Höflichkeit zu befleißigen unb seinen Hut herab zu nehmen, wenn er mit ihm, als seinem Vorgesetzten, zu sprechen sich erlaube. Bei diesen Worten hatte ein kleines Lächeln auf den Zügen des jungen Künstlers aufzudämmern fast begonnen, doch unterdrückte er eS vermittels eines kräftigen Hustens, als er bemerkte, wie der Principal seine 'Angenbraunen finster zusammen kniff. Auch wurde nicht nur der Hut sanft herabgezogen, sondern die Hand verlor sich auch sachte aus der Rocktasche und nahm eine etwas ungezwungene Stellung an.
Was wollen Sic? fragte Herr Müller ziemlich barsch.
Herr Hannibal sah sich einiger Maßen eingeschüchtert und antwortete demgemäß, er habe nur den Wunsch auSsprechen wollen, man möge ihm die Rolle des Pierrot nicht übertragen, er bitte vielmehr um die des Harlekin.
Sie werden die Rolle nehmen, die man Ihnen gibt, sagte streng der Principal, und werden Sich bemühen, aus dieser Rolle etwas Tüchtiges zu machen. Sie haben alles Zeug dazu-, auch weiß ich, daß Sie auf bedeutenderen Thearern, wie das meinige, in diesem Fache schon Tüchtiges geleistet haben. Also gehen Sie mit Lust und Liebe an die Arbeit und lasten Sie mich vor allen Dingen nicht eines Tages zu der Bemerkung kommen, daß es Ihnen an dem guten Wille» fehle,
Nun hatten die Proben begonnen, und der unglückliche Pierrot war mit so komisch dummem Gesichtsausdrucke und so unendlich tappig auf den Brettern erschienen, daß dieses Auftreten unter den Mitgliedern der Truppe einen wahren Beifallssturm hervor rief.
Sehen Sie wohl, sagte Eugen zu dem Director, wie er diese Rolle aufzufassen versteht!
Aber geben Sie nur Achtung, nahm der lustige Nath das Wort, sein guter Wille wird bald zu Ende sein, und er wird Sie schmählich fallen lassen.
Dem war nun auch in der That so, und Herr Hannibal schien sich in den Kopf gesetzt zu haben, die einfachsten Dinge nicht begreifen zu wollen. Statt, rechts trat er links auf, statt links ging er rechts ab, und^der majestätische Schritt mit dem sich Pierrot ans der Bühne zu bewegest pflegt, wollte ihm um Alles in der Welt nicht gelingen.
Umsonst zeigte es ihm der Director mehrmals, umsonst bat und warnte er.
Sehen Sie, sagte Eugen, jetzt ist der gute Wille schon vorbei; aber es ist wahrhaft schade — diese Vorstellung hatte glänzend werden müssen.
Und sie soll es auch werden, sagte kurz der Director und hob die Probe auf.
Darauf begannen schwere, unerhörte Leiden für den unglücklichen Hannibal; denn der Principal, der sich nun für überzeugt hielt, daß seinem Pierrot der gute Wille fehle, sah sich veranlaßt, ihm Morgens in aller Früh einige Privat- Lectionen zu ertheilen. Was hierbei vorfiel, ist in seinen Einzelheiten nie bekannt geworden; nur so viel vernahm man, daß der Herr Hannibal sehr heftig anfing zu sprechen, worauf der Herr Müller noch heftigere Erwiderungen gemacht; dann hörte man hie und da einen Stuhl umfallen, ein kurzes Geheul des Herrn Hannibal, was aber alles zur Rolle zu gehören schien und durchaus die Probe nicht unterbrach; denn der Principal hörte nicht eher auf, während einer ganzen Stunde lang den jungen Künstler zu lehren, wie man in den Geist einer Rolle eindringe; und nach Beendigung dieser Lektion erschien der Schauspieldirector wieder, das Gesicht einigermaßen geröthet, der junge Künstler dagegen sehr matt und abgeschlagen.
Wir können dagegen nicht sagen, daß Herr Hannibal diese Lehrmethode sehr angenehm und für sich zuträglich gefunden, oder daß er dieselbe ohne ernstliches Widerstreben seinerseits hingenommen hätte, müssen dagegen versichern, daß dieses Widerstreben zu keinem erwünschten Ziele führte; denn als er