Einzelbild herunterladen
 

Jr. 278.

Der Wanderer.

DMatt Mr Nassauische» Allgemeinen Zeitung.

Mittwoch den 24. November yssa.

Eugen Stittfried.

Sok F. W. Hackländer.

(Fortsetzung.)

3a, für das Gemüth weiß ich nichts, sagte die Gemüse­händlerin; dafür weiß auch kein Doctor was. Dem Gemüth kann man keinen Senfteig auflegen, sonst hätte ich auch das weinige schon ganz in Senfmehl eingeschlagen. Was Ge­müth! von dem muß man sich nicht unterdrücken lassen. Ge­müth das ist der böse Geist, der lauert nur darauf, wo er Fröhlichkeit und gute Laune anfassen kann und zum Tem­pel hinausjagen. Was hat Sie denn wieder so Schreck­liches gehabt?

Ach, das weiß ich eigentlich selbst nicht, sagte die alte Jungfer; aber ich fühle mich so allein und einsam auf der Welt, und jetzt, seit die Katharine fort ist, habe ich gar Nie­mand mehr.

Das ist wahr, entgegnete die Frau; das Mädel fehlt mir Mch an allen Ecken. Dabei sah sie seufzend ihr bekleckstes Schreibbuch an.

O lieber Gott! meinte Clementine, es ist ein trauriges Äben, es ist gar nichts mehr auf dieser Welt!

Ich will nicht hoffen, sagte auf einmal streng und ernst Madame Schoppelmann, daß Sie wieder Briefe von Ihrem genannten Herrn Vetter hat. Das.sind mir schöne Ge- lchichten, Jungfer Clementine! ich habe zufälliger Weise etwas arüber erfahren. Ein sauberer Vetter, der Herr Müller! Na, âch Sic mir! Aber nehm' Sie mir's nicht übel, Strebelinge, mit dem Herrn ist's nicht sauber.

Um Gottes Willen! was meint Ihr, Madame Schoppel­mann? sagte erschreckt die alte Jungfer.

Mit dem Herrn ist's nicht sauber, fuhr die Gemüsehänd- Mn fort und machte eine gewaltige Handbewegung, welche catlich auzeigte, in dem Punkte laffe sie sich keine Einwen­dung gefallen.

f n du lieber Gott! fuhr Clementine ängstlich fort, was W denn nicht sauber sein?

Die ganze Geschichte, sagte Madame Schoppelmann. Ein enilicher Mensch nimmt kein Geld von einem. Mädel, das

er so gut wie gar nicht kennt, und am allerwenigsten von ei­nem, mit dem er ein Verhältniß anfangen möchte, das kann Sie mir auf's Wort glauben. Da geht so ein Mensch, wenn er brav ist, lieber her und arbeitet und hungert und springt am Ende resolut in's Wasser oder kann sich gar auch meinet­wegen aufhängen. Das ist noch immer viel respectabler, als so einem armen, alten, gebrechlichen Geschöpf, wie Ihr seid, sein Bißchen Geld nehmen. Pfui Teufel!

Ja, das hat er auch alles thun wollen, sagte zaghaft Clementine.

Was hat er thun wollen?

Nun, arbeiten. ---Und gehungert hat er auch.

Wird ihm nichts geschadet haben.

Und ein Leid wollte er sich auch anthun.

Hat's aber nicht gethan! rief entrüstet die Gemüsehänd­lerin. Der Lump! Sieht Sie, Strebelinge, da steckt eben die Schlechtigkeit! Wie ich vorhin gesagt, ein rechtschaffener Kerl, der geht lieber aus der Welt, wenn es dann nicht an­ders möglich ist, ehe er auf solche Art zu Geld kommt. Das ist immer miserabel.

Sieht Sie, fuhr die dicke Frau nach einer Pause fort, da war der selige Schoppelmann, der hatte einen Bruder, Johann Christian Schoppelmann. Nun, der war auch einmal in einer solch verzweifelten 'Lage und hatte auch ein Mädel, die war viel reicher wie Sie; aber der ging nicht hin und ließ sich von dem Mädel Geld geben Gott soll mich bewahren! Das that er nicht, und die hätte ihm so viel Tausend geben können, wie Ihr Hundert habt. Aber das fiel ihm nicht ein, und er hatte Schulden, der Johann Christian Schop­pelmann, und konnte sie nicht bezahlen und war ein resoluter Mensch.

Um Gottes willen! sagte die alte Jungfer; denn sie war überzeugt, daß sie etwas Schreckliches zu hören bekomme.

Da war nirgends eine Hülfe; denn sein Bruder, der selige Schoppelmann, hatte auch kein Geld. Was also ma­chen? Der Termin war verfallen, die Schuld mußte bezahlt werden; im Geldsack war kein Kreuzer.

Du lieber Gott: sagte schaudernd Clementine.