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Aer Wanderer.

Metrigilches Beiblatt;ur

Allgemeinen Zeitung.

Vr. 273. x Donnerstag den 18 November /«ss

Eugen Stillfried.

Vos F. W. Hackländer.

(Fortsetzung.)

Madame Schoppelmann fand es aber durchaus ungeeignet, eine so vornehme Dame auch nur einen Tag warten zu lasse», deßhalb sic sich veranlaßt sah, ihrer Tochter, ohne daß es die Staatsräthin bemerkte, einen aufmunternden Blick znzu- werfen.

Catharina, deren ^cr^ übervoll war, machte darauf eine kleine Verbeugung, einen Schritt gegen die Staatsrâthin, welche ihre Gesicht dem Fenster zugcwcudet hatte. Als sie aber umschaute und in das bleiche schöne Gesicht des jungen Mädchens sah, die sich ihr bittend nahte, mit einem uiineun- dar rührenden Ansdruck in den Zügen; als sie ferner be- merkte, wie sich Catharine erwartungsvoll und bittend vor- ^ngte, um von der Mutter ihres Geliebten ein freundliches, herzliches Wort zu erhalten: da füllten sich unwillkürlich die Augen der alten Dame mit Thränen; sie streckte ihre Hand aus, welche das junge Mädchen ergriff und innig küßte. Zu­rich mit diesen Küssen fühlte die Staatsräthin heiße Tropfen auf ihrer Hand, und sie konnte nicht umhin, zu thun, was ^,üch. nicht vorgenommen, zu thun. Sie zog das junge Mädchen an sich und küßte sie ans die Stirn, während Ca- lharine auf den Tritt vor dem Fenster unwillkürlich niederge- kuiet war, jenen mütterlichen Kuß empfangend mit einem Ge- füf'l, dessen Wonne und Seligkeit über alle Beschreibung war.

Auch Madame Schoppelmann fühlte sich von diesem An­nicke mächtig angeregt. Sie zog ein rothcarrirtes Schnupf­tuch aus der Tasche, und ehe sie es noch an die Augen rächte, plätscherte unter verschiedenen sehr lauten Tönen ein ästiger Thränenstrom darauf hernieder.

Jetzt ist Alles gut, dachte die dicke Frau; und da sie in ihrem ganzen Leben nicht gewohnt war, Thränen zu vergießen, "Hue sich dabei traurigen oder freudigen Betrachtungen zu Erlassen, so schaute sie auch hier durch den Schleier ihrer fallen hindurch die schönen großen Zimmer an und die Mächtigen Möbel, dachte auch an das große Haus und Keller

.Küche, und wenn sie sich dabei vorstellte, daß ihre Ca- Harme hier einmal als Gebieterin wandeln würde, so konnte

sie ihre Thränen unmöglich so schnell versiegen lassen und weinte, daß es um mich eines gewöhnlichen Ausdrucks zu bedienen einen Stein hätte erbarmen können.

Laß es gut sein, mein Kind, hatte die Staatsräthin dar­auf zu Catharine gesagt und hatte sie abermal auf die Stirn geküßt und dann sanft emporgehoben.

Die dicke Gemüsehändlerin redete darauf Einiges von Gottes Fügung, dem unermeßlichem Glück, und versprach schließlich, ihre Tochter solle morgen früh, wenn es die Staats­räthin denn durchaus nicht anders haben wolle, sie, die arme Mutter, verlassen und in das große, schöne Haus ziehen.

Das war beim auch am anderen Morgen wirklich ge­schehen, und die Nachricht von diesem Ereigniß hatte in der Nähe des Schoppelman'schen Hauses Freude, Bestürzung und Trauer hervorgebracht. Freude bei all den Leuten und cs waren ihrer sehr viele, die Katharinen gern hatten und durch diesen ^Vorfall eine neue glückliche Zukunft für das schöne Mädchen angebahnt sahen; Trauer dagegen bei Jungfer Clementine Strebeling, die sich so einsam und verlassen sah, und endlich Bestürzung bei den Gebrüdern Schoppelmann, welche sich diesen Vorfall gar nicht erklären konnten und von demselben nicht mit Unrecht eine unangenehme Rückwirkung für sich fürchteten.

Sie beschlossen, einen KriegSrath bei Madame Schilder zu veranstalten, und saßen zu dem Zweck in der trüben Hinterstube des kleinen Weinhauses, ihnen gegenüber die schmierige Wirthin, welche einige Papiere vor sich ausge- breitct hatte.

Ehe wir die neue Sache besprechen, sagte Madame Schil­der, indem sie ihr Kinn in die Hand stützte, wollen wir die andere gehörig abmachen nud ins Reine bringen. Die Sache mit der alten Jungfer ist über alle Erwartung gut ab­gelaufen, und ich möchte nur wissen, welcher Liebcsteufel sie in ihren alten Tagen noch regiert.

Frau Schilder sah bei diesen Worten auf die Seite, und das benutzten die beiden Brüder, um stcb einen Blick des Einverständnisses zuzuwerfen. Dieser Blick dauerte nicht eine halbe Secunde, aber er war vielsagend.

Wenn so eine alte Scheuer einmal anfängt zu brennen,