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Wer Wanderer.

Metrisches Beiblatt Mr Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

V». 268. Freitag den 12. November fss».

Eugen Stillfried.

Von F. W. Hackländer.

(Fortsetzung.)

Dieses Essen ging nun vorüber, wie manches andere Fest­essen nur mit dem Unterschiede, daß hier keine Reden gehalten wurden, sondern nur den Schüsseln zugesprochen. Herr Hol­der saß neben den Kindern des Directors, finster und in sich gekehrt, und warf zuweilen einen mißtrauischen Blick auf die neuen Kollegen, wogegen der würdige Herr Trommler sein Möglichstes that, um dieselben, die an seiner Seite saßen, aufs Beste zu unterhalten. Von dem Herrn Hannibal können wir "icht verschweigen, daß er wahrscheinlich unbewußt an da Seite der Schwägerin des Schauspieldirectors (sie hieß Thusnelde) niedergesessen war und sich dort sehr wohl zu be­luden schien; wenigstens schien ihm dieser zweite Act seines neu begonnenen Künstlerdramas nicht minder angenehm, als da eben vorübergegangene erste; denn hatte er droben fleißig Mit Hammer und Sage gearbeitet, so that er jetzt hier unten Mt Messer und Gabel desgleichen, und fand dabei nochvoll- kvuimen Zeit, seine Nachbarin von der Seite anzusehen, die >dm häufig Etwas zuflüsterte. Auch brachte er es in Folge dieser Zuflüsterungen zuweilen zu einem Lächeln; doch kam dies nicht häufig vor, denn die großen Bissen, mit denen er ich versah, drückten sein Gesicht so in die Breite, daß er trotz übergroßer Anstrengung nur selten im Stande war, obendrein Ach noch zu lachen.

Daß der Reiz des Lebens in Abwechselung besteht, wußte Ach der Schauspieldirector; deßhalb arrangirte er dieses hei- ^ee Familienfest nach der harten Arbeit droben, und um die- Grundsätze treu zu bleiben, übergab er nach dem Diner Cln Herrn Wellen, dem Herrn Müller und dem Herrn Han- llibal jedem ein Packet alter vergilbter Papiere. Das waren Rollen zu verschiedenen Schau-, Trauer- und Lustspielen, wo- sich diese drei Herren in den nächsten Tagen vertraut zu Nen hatten.

* Als nun die Tafel aufgehoben war und die Gesellschaft Ascinandergegangen, Jedes seinem Geschäfte nach, verließen ugm und der lustige Rath das Wirthshaus zur wilden

; Rose, um dem Schlosse droben in der Höhe einen Besuch ab- zustatten.

Sie gingen durch das Dorf, bei der alten Kirche vorbei; dort, hatte Eugen ganz richtig vermuthet, müsse ein Fußweg auf die Höhe führen. Da lag nun die kleine Kirche so still und feierlich inmitten des von Mauern eingefaßten Friedhofes, und die warme Sonne umschlang so freundlich und herzlich . die alten Mauern, drang so unwiderstehlich durch die langen, schmalen, vergitterten Fenster, daß das alte Gebäude unter diesen warmen Küssen ordentlich aufzuleben schien. Es war so still hier zwischen den Gräbern, so feierlich selbst außerhalb der Kirche, daß unsere Freunde mit abgezogenem Hute durch das kleine Thor schrille«. Der Friedhof schien nicht mehr zu dem, was er war, benutzt zu werden; da war kein frisch aufgewor­fenes Grab, wo die schwarze Erde aussah, als sei sie feucht von Thränen, hier war Alles bedeckt mit einem mitleidigen Rasen einem vielfarbigen Blumenteppiche, den die freundliche Natur über diejenigen von ihren Kindern deckte, die den Mühen dieser Welt erlegen waren und sich vertrauensvoll in ihren Schooß geflüchtet hatten.

Die alte niedrige Mauer war mit Grabsteinen bedeckt, wovon die meisten mik ganz geharnischten Ritterfiguren, oder mit Damen in dicken Halskrausen und langen, steifen Schnürlei­bern, oder auch mit Helm uud Wappen von einer längst ver­gangenen Zeit erzählten, von alten Geschlechtern, die droben auf dem Schlosse eines nach dem andern gehaust, und die dann von der glänzenden Höhe ihres Berges und ihrer Stel­lung im Leben herabsteigen mußten in den kleinen Raum der keinen Dorfkirche.

Wie schön waren die zwei kleinen Thore an beiden Seiten des Friedhofes! Ein flacher Bogen bedeckte jedes, und in dem Schlußstein war das Wappen der gräflichen Familie da droben eingemeißelt. Doch war die unnachsichtige Hand der Zeit darüber hingefahren und hatte die Linien dieses Wappens verwischt, und es kostete Mühe, aus den wenig übrig geblie­benen die Formen des Helms und des Wappenschildes heraus zu bringen. Auch der Epheu, der neben diesen Thoren an der Mauer lustig emporwucherte, hatte seine langen, faserigen Wurzeln in Zeichen und Schrift eingedrängt, Beides beschat-