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Belletristisches Beiblatt tut Nassauischen Ailgeukeineu Zeitung.

Jr. ?ka

Samstag den 23. September

#85».

Eugen Stillfried.

Lon F. W. Hackländer.

(Fortsetzung.)

Nachdem der getreue Prerrvt am heutigen Nachmittage einen außergewöhnlichen Rapport beim Justizrathe gehabt, hatte ihm dieser anbefohlen, sich Abends nicht in der Nähe des Marktes sehen zu lassen. Dies stimmte auch mit den Neigun­gen und Wünschen des Bedienten vollkommen überein, und so begab er sich denn mit einbrechender Dunkelheit nach Hause, und wir müssen gestehen, nicht ohne einiges Hcrz- llopsen. Jetzt, nachdem durch seine Beihülfe die Katastrophe vorbereitet war, fing er an einzusehen, wie außerordentlich schlecht er an seinem Herrn gehandelt. Zugleich aber war bet Trost, den er sich selber gab, noch viel fürchterlicher, noch viel niederdrückender für ihn. Mußte ich denn nicht dem Anderen gehorchen? sagte er zähneknirschend; hielt er mich nicht fest? Was half mir alles Zerren und Sträuben? Vorwärts mußte ich ins Teufels 9iamen! Je näher cs «bet auf neun Uhr ging, um so unruhiger wurde der getreue Pierret. Mehrmals faßte er den Entschluß, sich mit einer Waffe zu versehen und nach der engen Gasse zu eilen hinter bei« Schoppelmann'schen Hause; aber er hatte schlimme Ahnun- M von vieler Polizei, die sich dort herum treiben könnte, Wb dachte nicht ganz (mit Unrecht: Wenn ich da unten bei ^Geschichte erwischt werde, so sorgt derJnstizrath schonda- i*11! daß man mich unter allen Umständen fester als die Ueb- Vil hält; dann kommt mein Acten-Fascikel zu Tage, und ^t mit ist's aus.

Es war eigenthümlich, obgleich sehr natürlich, daß alle Pachtungen und Selbstgespräche Joseph's am heutigen Abend sich stets in traurige, finstere Bilder verloren. Da ich er, wir müssen gestehen, ein Bild des Jammers, auf einem kleinen Stuhl an der Thür ; er hatte die Kniee hoch empor ÖW« und umfaßte dieselben inbrünstig mit seinen Armen. ^vnKvpf hatte er tief hernieder gesenkt, und seine weit offe- Augen stierten gedankenvoll in eine Ecke. Und wenn Sache jetzt nach den Begriffen des Justizrathes gut geht, Mte er weiter, was geschieht dann mit mir? Wenn jetzt

also da unten wirklich ein Unglück geschieht o, o! ich sonne meinen Herrn; denn gutwillig läßt sich der nicht einfangen, und wenn Einer dem Andern den Schädel einschlägt und sie ihn darauf festnehmen und dann hierher kommen und die ganze Wohnung unter Siegel legen was geschieht dann mit mir ?

Es überfiel den getreuen Diener ein gelindes Frösteln.

Trau' einer dem Teufel! fuhr Joseph nach einer längeren Pause in seinem Selbstgespräche fort; wer steht mir dafür, daß er mir nichts zu Leide thut, wenn er mich nicht mehr braucht? daß er sich meiner nicht entledigt, indem er mich an das Messer liefert und wenn das nicht der Fall wäre, was kann mir Anderes daraus erblühen? Ja, nur eben so Schlimmes daß er mich vielleicht in seine eigenen Dienste nimmt neben jenem alten Kerl, neben jenem schnappenden, bissigen Ungeheuer! O, ich war sehr dumm!

Es mußte nächstens neun Uhr schlagen. Der Bediente wurde immer unruhiger. Er war so allein in der Wohnung, allein mit dem großen Hunde, der am Boden vor dem Fau- teuil Eugen's lag und seinen zottigen Kopf auf den Sitz ge­legt hatte. Der Neufundländer schlief nicht; seine Augen glänzten unter dem buschigen Haare hervor und folgten allen Bewegungen des Dieners, der jetzt unruhig auf und ab schritt. Plötzlich blieb Joseph vor dem Fauteuil stehen, und ihm schien ein sehr guter Gedanke zu kommen. Sultan ! sagte er, wo ist dein Herr?

Der Hund, den man oft auf diese Art anredete, stieß ein kurzes Geheul aus, hob den Kopf in die Höhe und blickte nach der Thür; dabei wedelte er mit dem Schweife, was seine Bitte ausdrückte, ihn fortzulassen. Eugen hatte aber ein für alle Mal streng verboten, den Hund des Abends nach ihm auszuschicken; denn das treue Thier, seinem Herrn außer­ordentlich ergeben j suchte und fand augenblicklich seine Spur und wurde ihm auf diese Art zuweilen sehr beschwerlich. Dieses Mal aber glaubte Joseph eine Ausnahme machen zu können; er schnallte dem Hund ein sestes eisernes Halsband um, nahm ihn mit sich hinaus, öffnete ihm die Hausthür und sagte: Such' den Herrn!

In wilden Sätzen schoß der Hund die Straße hinauf, und im gleichen Augenblicke schlug cs neun Uhr.