Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
»>. »is. Donnerstag den 16. September /«rr
Eugen Stillfried.
Nach F. W. Hackländer.
(Fortsetzung.)
Nein, es ist wahr, fuhr Frau Schilder eifrig fort, gewiß und wahrhaftig, daun heirathen alle jungen Pfarrer augenblicklich, wenn sie eine gesetzte, sittsame, ruhige mrd gottgefällige Jungfrau finden.
Und warum thut er das nicht? fragte Clementine, die den letzten Satz überhören zu wollen schien.
Was? das Heirathen?
Ach nein! Das Fortgehen, das achte Examen machen!
Frau Schilder strich bei dieser Frage ihre Schürze glatt und sagte nach einem langen Stillschweigen: das darf ich nicht sagen, das hat er mir streng verboten.
Aber ich bitte Sie, Frau Schilder!
Nicht um alle Schätze der Welt! Ich habe ihm das feierlich gelobt, und Sie wissen, ein Gelöbniß muß man halten.
Wozu nützt es auch, hat er gesagt, wozu nützt es auch, was in ihren Augen — damit meinte er Sie, Jungfer Clementine — was mich vor ihr, die ich liebe, nur herabsetzen könnte?
Wenn die Jungfer Strebelkng eben so schlau gewesen wäre, wie die Frau Schilder, so hatte sie in diesem Augenblicke , um das zu erfahren, was sie erfahren wollte, nicht schlauer handeln können, als sie ohne Absicht that, daß sie nämlich ganz still schwieg und in tiefes Nachdenken versank. Hollah! dachte die würdige Dame; mir gegenüber will sie wirklich nichts weiter wissen, will sie sich zurückziehen, da muß ich wahrhaftig ein Bischen nachhelfen. — Ja, wenn es was »ntzen könnte, sagte sie mit einem tiefen Seufzer — dann würde ich mich wahrhaftig seinem ganzen Zorne aussetzen und sein Geheimniß verrathen.
Nützen? entgegnete Clementine mit feuchten Blicken; warum bos nicht, meine gute Frau Schilder? Wenn ich ihm helfen kann, wenn ich ihm nützen kaun, so ist ihm schon geholfen. Sprechen Sie ohne Scheu!
Aber wollen Sie mich nicht verrathen? bat die Wirthin; wollen Sie nie sagen, daß ich mit Ihnen über diese Angele- ^nhcit gesprochen?
Gewiß nicht!
Nun denn, so hören Sic! Um jeden Preis würde Herr Johannes Müller das Haus des Herrn Stillfried verlassen, es wäre sein sehnlichster Wunsch, sich in eine Universitätsstadt zurückzuziehen und dort eifrigen Studien obzuliegen, um seinem heiß ersehnten, glückseligen Ziele sich nähern zu können — Sie kennen jenes Ziel, Jungfer Strebeling.
Weiter! weiter!
Aber! Nun ja, cs muß endlich heraus: es fehlen die Mittel hiezu; gewiß, es wird mir schwer, es auszusprechen: es fehlt ihm an — Geld.
Und das ist Alles? fragte Clementine mit freudigen Blicken, und dabei lächelte sie so glücklich, ist das wirklich Alles? Sind das die drückenden Geheimnisse unseres theuren Freundes Johannes? Nun, diesem Mangel kann gewiß abgeholfen werden, liebe Frau Schilder, ich versichere Ihnen, es wird ihm abgeholfen.
Glauben Sie? fragte die Frau mit zweifelhaft tönender Stimme; glauben Sie wirklich? Aber wer könnte sich für den armen jungen Müller verwenden?
Wer ? fragte erstaunt Clementine; mm, wer sonst, als ich ? Nennen Sie mir die Summe dieses Bedarfs, und wenn es in meinen Kräften steht, sie ihm zu geben, so bin ich gern dazu bereit.
O, Sie sind ein Engel! sagte die Frau; Ihnen muß es gut gehen! nnd darauf blickte sie gen Himmel und murmelte etwas, das wie ein Gebet klingen sollte. Aber nein! fuhr sie nach einer Pause fort; das kann und wird Herr Müller niemals anuehmen. Nie, nie, gewiß nie! _ Wenn ich ihm damit komme und sage, ich hätte Ihnen seine Lage verrathen, und hiuzusetzen muß, Sie wollten ihm helfen — das überlebte er nicht, das drückte ihn zu Boden.
Aber Sie können es ja anders cinkleiden! Sie kennen ja seine Familie vollkommen, Sie können z. B. sagen: ein entfernter Verwandter, ein Vetter, ein Onkel und dergleichen habe an ihn gedacht.
Frau Schilder beobachtete langes Stillschweigen und schien in ihrem Herzen das für und wider dieses edlen Vorschlages restlich zu überlegen. Oftmals schüttelte sie heftig den Kopf,