Der Wanderer.
Kelletristisches Beiblatt M
Allgemeinen Zcitmg.
Ar. 91». Donnerstag den 9. September iss».
Eugen Stillfried.
Nach F. W. Hackländer.
(Fortsetzung.)
Was sich im Verlaufe dieses Tages noch zugetragen, weiß vnser Leser bereits aus den ihm mitgetheilten Fragmenten. Wir haben Eugen Stillfried zu dem ästhetischen Thee der Frau Baronin von Brander oder wie sie sich lieber nennen hört, der modernen Sappho:Rosa Immergrün und von dort in das Haus der Frau Schilder begleitet. Wir haben mit ihm sein Mädchen belauscht, und gesehen, wie die süßen Lie- beStrâume, in die er sich versenkte, seinen Entschluß bestärkten, die Geliebte um jene einzige Unterredung, die über ihr beiderseitiges Schicksal entscheiden sollte, so bald als möglich zu bitten und wie die Wehmuth, die ihn beschlich, sein Herz der Liebe zur Mutter öffnete und ihn antrieb, ihr die Hand zur Versöhnung zu bieten. Wir haben endlich den Helden unseres Romans in die Sitzung jener geheimnißvollen Verbrüderung begleitet und hoffen, daß dem Leser die Geschichte des armen Freiwilligen, welche der Präsident der Leimsudia mit so erschütternder Genauigkeit vertrug, noch erinnerlich sein wird.
Wir sind am Morgen des folgenden Tages.
Die schöne Katharine saß in ihrem Zimmer; es hatte die Nacht durch gewittert, heftiger Regen war unter Blitz und Donner niedergeströmt, und der Marktplatz hatte sich am fru- Heu Morgen in einem Zustande großer Feuchtigkeit befunden, beèhalb die Tochter der Gemüsehändlerin sich außerordentlich ^rilt, um ihre Geschäfte zu beenden und um sich in ihr Zirner zurückziehen zu können. Wir dürfen aber dem geneigten Lesn nicht verschweigen, daß die Feuchtigkeit des Marktes
die alleinige Ursache war, weßhalb Katharine ihren Stoib so früh verlassen; dem jungen Mädchen wurde, wäh- rend sie bei ihren Blumenkörben saß, von einer guten, al- toi, befreundeten Frau ein Blättchen Papier zugeschoben mit Schriftzügen, welche Katharine augenblicklich als die sei- "'gen erkannte, wonach es auch Jedermann sehr begreiflich sittden wird, daß dem guten Kinde das Pflaster des Markus plötzlich zu feucht vorkam, daß sie sich nasse Füße ge
holt hatte, und daß sie mit Erlaubniß der Mutter nach Hause ging.
Hier sehen wir sie nun in ihrem Zimmer. Sie hatte daS Briefchen gelesen und wieder gelesen, nnd schien auf die Ver- muthung zu gerathen, es handle sich in demselben um ein kleines Rendez -vous, das sich Herr Eugen von ihr erbeten. Aber nicht allein brauchte sie zu kommen, o nein! er war zu zart, das zu verlangen; er schrieb ihr, sie würde ja wohl eine verschwiegene Freundin haben, mit welcher sie, ohne Verdacht zu erregen, ausgehen könne. Aber Katharine wußte keine verschwiegene Freundin; sie dachte hin und her, und wenn ihr endlich Jungfer Clementine einfiel, so schüttelte sie den Kopf und dachte, diese gesetzte Jungfrau mit ihren strengen Grundsätzen würde sich nimmermehr dazu hergeben, zu einem solchen Unternehmen die Hand zu bieten.
Da wurde die Thür des Zimmers langsam geöffnet, und die, an welche das Mädchen eben gedacht, Jungfer Clementine in eigener Person, streckte den Kopf zur Thür hinein, um zu sehen, ob Katharine da sei.
Diese winkt ihr aufs freundlichste einzutreten, was beim auch die alte Jungfer that und sich an der Seite des jungen Mädchens niederließ, wobei sie einen außerordentlich tiefen Seufzer ausstieß. Zu gleicher Zeit faltete sie sanft die Hände, blickte einige Mal gen Himmel, kurz, sie geberdete sich wie jemand, der auf alle Fälle gefragt sein will: Mein Gott, wa- ist Ihnen begegnet?
Diese Frage that nun auch augenblicklich die schöne Katharine.
Statt aber mit der Sprache heraus zu gehen, affectirte Jungfer Strebeling eine sehr komische Gleichgültigkeit, die eben so auffaullend war, als ihr Mienenspiel von früher. Sie senkte das Köpfchen auf die eine Seite, lächelte mit niedergeschlagenen Augen, beschrieb mit dem Sonnenschirm von meergrüner Seite allerlei Figuren auf den Boden und lispelte mit sehr verschämter Stimme: Ach, Katharine, was sollte mir begegnet sein?
Es ist Ihnen aber etwas begegnet, sagte bestimmt dajunge Mädchen, Sie sind ganz aufgeregt.
Ein tiefer Seufzer war die ganze Antwort.