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Der Wanderer.

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Kellktrissisches Beiblatt ;ur Nassauischen AllgeAeinen Zeitung.

». »F, Mittwsch den 8. September is»».

Eugen Stillfried.

Nach F. W. Hackländer.

(Fortsetzung.)

ES muß eigentlich etwas Süßes fein, vor Liebesweh zu duften, zu weinen und zu zittern, meinte Clementine.

Sic blüht und glüht und leuchtet

Und starret stumm in die Höh' jcholl es sehnsuchtsvoller von drüben herüber, und Clementine, die bis jetzt ängstlich die Blicke auf ihr Busentuch geheftet, starrte nun plötzlich in die Höhe, ganz wie die Lotosblume, und wäre gern von dem Fenster zurückgefahren, wenn dieses im selbigen Augenblicke nicht höchst unschicklich gewesen wäre. Denn als sie so in die Höhe starrte, stand drüben ein junger Mann in dem Fenster, der sich sittsam herüber verneigte, als er so wenige Fuß von seiner Nase plötzlich die himmelblauen Augen der Jungfer Clemcutine Strebeling erglänzen sah, oder schimmern sah, oder überhaupt nur sah.

In diesem Augenblicke klangen die Worte des Gesanges:

Der Mond, der ist ihr Buhle;

Er weckt sie mit seinem Licht,

Und ihm entschleiert sie freundlich

Zhr frommes Blumengesicht.

Dieser Vers war außcrordcntliä) passend; denn wir missen bereits, daß das Antlitz des Herrn Siedel (er war es) in seiner glänzenden Fülle etwas vom Vollmond an sich hatte. Auch konnte man, ohne gerade ausschweifend . zu sein, das Gesicht der alten Jungfer für ein frommes Blumengesicht an- sehcu; denn es gibt allerlei Blumen, und Clementinens Ant­litz hatte in der That etwas von einer gelben Malve, welche kegelt und Sturm getrotzt hat, und über deren zarte Blätter ün eisiger Novemberwind unbarmherzig gestrichen ist.

Aber dem sei, wie ihm wolle, Herr Siedel grüßte herüber, Klementine hinüber und zwar:

Bor Lie ie ie = ie besweh fang der unsichtbare Sänger des eben genannten Liedes Mit höchstem Kraftaufwand seiner Lungen und offenbarem Stimm-Mangel.

Alles das sah Frau Schilder unter ihrer Hausthür , nur $'1 ganz anderen Augen und nicht mit solch hoher Poesie.

Sie bemerkte recht gut, welchen tiefen Kuix die alte Jung­fer machte, als jener fremde Herr hinüber grüßte, und wie ihr gelbes, dürres Gesicht von einer sanften Nöthe überstrahlt wurde.

Ei, ei, das freut mich, sprach sie zu sich selber, das wär» vortrefflich zu benutzen! Nur muß ich mich vor den beiden Büffeln da drinnen in Acht nehmen (Diese zarte Bemerkung galt den beiden Schoppelmanns, welche schon in der Kneip» bei ihren Schoppen saßen.) Das sind ein paar tappige,- derliche Tagediebe, denen man nicht zu viel trauen darf. --Aha, jetzt knixt die alte Jungfer abermals, und da ich den Herrn nicht mehr am Fenster sehe, so wird er sich zum Weggehen rüsten. Warten wir noch einen Augenblick.

Die würdige Frau hatte richtig vorausgesehen. Die Thür des musicalischen Hauses öffnete sich wieder, und heraus trat der Schulmeister und lustige Rath, dessen Besuch nun zu Ende war und der durch diesen unglückseligen Besuch das Herz der armen Clementine in einigen Aufruhr versetzt zu haben schien.

Nichtig, jetzt geht er die Gasse hinab , und sie beugt sich zum Fenster heraus, um ihm nachzusehen. Ob er an der Ecke der Straße noch einmal siimgeschaut, können wir nicht mit Bestimmtheit angeben ; wenn cs aber geschah, so wär es rciuer Zufall denn wir müssen die bündigste Erklärung abgeben, daß der gute Schulmeister au jenes zarte, blass» Wesen, das er nur aus Artigkeit gegrüßt-, auch uicht im Gr- ringsten weiter dachte.--

Die Gebrüder Schoppelmann waren heute planmäßig nicht sehr gnädig empfangen und machten ziemlich unfreund­liche Gesichter, als sie wieder in das Zimmer zurück kam.

Die Frau Schilder schien sie nicht bemerken zu wollen, denn sie setzte sich an ihr Fenster und nahm ein Zeitungspa­pier in die Hand.

Die Brüder tranken in ihrem Unnütze die Schoppen leer und verlangten neue. Nachdem diese gebracht waren, entstand abermals Pause, welche die Wirthin durchaus nicht Willens schien, durch irgend ein interessantes und lehrreichet Gespräch zu unterbrechen.