Einzelbild herunterladen
 

Der Wanderer.

Beiblatt M Najsauischtn Allgememm

Vr. r« r

Mittwoch den 1. September

F«»S

Eugen Stillfried.

Nach F. W. Hackländer.

(Fortsetzung.)

Unterdessen war Frau Schoppelmann nach ihrer Unterre­dung mit der Staatsräthin mit keinem geringen Zorn in die unteren Theile der Stadt, auf den Markt zurückgekehrt. Das sonst so ruhige, gleichmüthige Gesicht der dicken Frau glühte vor Hitze und Anstrengung; sie schnaubte wie ein überhitztes Dampfboot, die dunklen Blätter ihrer Haube flatterten hinter ihr drein wie Trauerwimpel, und dazu wallte ihr Umschlagtuch wie ein schwarzes Segel.

Die Frau grüßte ihre besten Bekannten nicht, und mehrere Köchinnen, die sich unterwegs an sie wandten, waren nicht im Stande, ein Wort anzubringen, und versicherten hoch und theuer: der Frau Schoppelmann müsse unfehlbar ein ganzes Obstmagazin zu Grunde gegangen sein, oder sie komme von einer Herrschaft, wo man sie beschuldigt , sie habe faule Fische abgelicfert.

So lenkte sie auf die Straßen ein, welche gerade auf den Marktplatz führten, hoffend, auf letzterem etwas zu finden, an welchem sie ihren gerechten Zorn auslassen könne. Doch die Frau hatte ein zu gutes Gemüth, um ihren Zorn lange sestzuhalten.

Die vielen Leute, die sich hier ab- und zudrängten, die eilig nach dem Gebiete gingen, aus welchem sie fast Allein­herrscherin war, oder die von dort her zurückkamen, mit Kör­ben, in welchen sie ihre Waare erkannte, alles das besänf­tigte nach und nach ihr Herz.

Ihr Schritt wurde ruhiger, je mehr sie sich dem Gewühl des Marktplatzes näherte; und als sie nun von ferne bemerkte, wie angenehm ihr großes Gemüse- und Obstlager zusammen« geschmolzen war, da schmolz auch ihre Aufregung vollständig und sie aar imn wieder im Stande, mit den: gewohnten ru­higen und sicherm Ausdruck ihres Gesichtes an ihren Stand zu treten.

Glücklicher Weise war auch hier an dem Blumenkörbe ihrer Tochter keine männliche Seele zu sehen; vor Allem aber fehlte er, dem sicher heute Morgen ein unfreundliches Wort zu Theil geworden wäre. Der Blumenhandel schien, trotz dem, recht

gut gegangen zu sein, denn der Korb der schönen Katharine war, bis auf einige unbedeutende Ueberreste, leer, sie selbst aber schon, da das Geschäft für heute beendigt war, nach Hause ge­gangen.

Dorthin verfügte sich jetzt auch Madame Schoppelmann, und als sie in den dunkeln, feuchten Hof trat, waren dort und in dem Gewölbe so viele ihrer besten Kunden versam­melt, denen sic Audienz zu ertheilen hatte, daß auch bald die geringste Spur des Unmuthes aus ihrem Gemüthe und von ihrer Stirne verschwunden war und sie sich mit ruhigem Herzen ihrem so verwickelten und schwierigen Geschäfte hinge- ben konnte.

Oberhalb des Gewölbes, in welchem wir heute Morgen dem Kaffee-Frühstück der Familie Schoppelmann beiwohnten, befand sich ein kleines Gemach mit sehr niedriger Decke und einem einzigen großen Fenster. Dieses Fenster fierte auf eine Sei­tengasse und war eines der wenigen des ganzen weitläufigen Hintergebäudes, an welches die Sonne mit einem Streiflichte dringen konnte.

So malerisch unordentlich, ja, schmutzig es drunten in dem Hofe, wie in dem Gewölbe aussah, so nett, reinlich und friedlich war es dagegen hier oben., Die Wände hatten einen schönen, hellen, freundlichen Anstrich. Das Fenster war mit weißen Vorhängen versehen, welche jetzt, da die Glasfen­ster, und zwar nach außen, geöffnet waren, hell in dem Son­nenlichte flatterten und zuweilen mit einigen Reseden und Ge­ranien kosten, die in kleinen Blumenscherben auf der Fenster­brüstung standen. An der hinteren Wand dieses kleinen Zim­mers stand ein breites, altmodisches Bett, aber das Weißzeug auf demselben war blendend weiß und frisch; in einer Ecke stand ein kleiner altmodischer Kleiderkasten, und dies, so wie ein paar alte hölzerne Stühle machten das ganze Ameublement des Zimmers aus.

Der geneigte Leser wird errathen, daß wir es hiermit ge­wagt, einen schüchternen Blick in das Zimmer der schönen Ka­tharine zu werfen. Ja, dies war ihre Wohnung, ihr Heilig­thum ! hier setzte selten die Mutter, nie aber einer der wilden Brüder einen Fuß. Hier behauptete das Mädchen ihr Recht, hier war sie allein, und hier baute sie oftmals aus den süßen