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Der Wanderer.

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Kelletristischcs Beiblatt M

Allgemeim Mang.

Donnerstag den 3 August

im

Aenneli von SiebenLhat.

Eine Badegeschichte aus den Alpen.

(Fortsetzung.)

Das Tau konnte wögen seiner Länge nicht straff ge­spannt sein; von seiner jenseitigen Befestigung an hing es erst ziemlich schief abwärts, gegen den diesseitigen Rand der Erdspalte lief es dann wieder etwas aufwärts. Der wäh­rend der ersten Hälfte der Fahrt erhaltene Schwung mußte den Seilreiter gegen das Ende seiner Luftreise wieder bergan treiben, ungefähr so, wie es auf einer russischen Rutschbahn geschieht. Wie cs scheint, hatte der Graf zu Anfang des Ritts mit der Rechten stärker als nöthig gebremst, oder es hatte sich das Tau von den wiederholten Fahrten gestreckt und hing nun schlaffer als sonst über den Abgrund. So kamS, daß alsbald der Ritt langsamer und langsamer wurde, und ungefähr zehn Klafter vom diesseitigen Rand blieb endlich der Graf gänzlich stecken. Ein Schreckensschrei entfuhr den Damen. Da hing das junge Herrlein vierhundert Fuß über dem dumpf in der Tiefe tosenden Bach, als Sitz einen dün­nen Strick, und konnte nicht vorwärts, nicht rückwärts. Von drüben rief Abraham Feuz, der Herr soll sich mit beiden Händen am Tau aufwärts arbeiten, aber von unserem Stand- Punct aus war deutlich zu sehen, wie des Grafen Augen sich größer und größer öffneten und sein dunkles Haar sich zu sträuben begann. Er hatte genug zu thun, sich des Schwin­dels zu erwehren.

Helft, um's Himmels Willen, helft"! rief er.Helft"!" riefen wir dem Seilrciter nach der Leiterweid hinüber.Das ^ril ist schon seit zwei Jahren an Wind und Wetter; ich Eraue, es wird das Gewicht von zwei Mannen kaum ertra- M; ich hcibe Frau und Kind," rief Abraham Feuz zurück. Jammernd hielten sich die Frauen die Taschentücher vor die ^ugen, rathlos standen wir andern am Rande der Schlucht. Da trat plötzlich entschlossen mit dem Rufe:Laßt mich ma­chen!" HM Pöhlen herzu. Ohne langes Besinnen raffte er etliche Stricke zusammen, mit welchen die Geiße im Grasbo- gen festgebunden gewesen, warf sie über das Tau, setzte sich in die Schlinge und rutschte vorsichtig bis zum Grafen hin­

unter. Zuvor aber flüsterte er mir noch heimlich in's Ohr: Ich laß 's Aenneli grüßen, falls ich mit dem Gräflein einen Flug in den Bach hinab mache." All' dieses war so rasch gekommen, daß mir keine Zeit blieb, über den Sinn dieser Worte nachzudenken. In athemloser Spannung schaute ich gleich den übrigen dem Unterfangen zu.

Zwei Schritte vom Grafen hielt Hans Pöhlen still. Helft, um meiner Mutter willen, helft!" rief jener.Schon tanzen die Berge und die Tannen wie Kreisel um mich her­um." Hans Pöhlen zog kalt sein Messer hervor nnd legte es an das große Tau. Krampfhaft wollte der Graf darnach greifen, aber der Führer rutschte zurück, bis er sich außer dem Bereiche seines Armes befand. Was Hans nun zum Grafen sprach, das sagte er so leise, daß wir es nicht hören konnten. Dieser erwiederte erst zornig, dann bittend. Der Führer hielt dabei immerfort das Messer am Tau, als ob er es mit einem Ruck entzwei schneiden wollte. Endlich erhob der bleiche Graf seine Hand, als wie zu einem feierlichen Schwur. Gleich dar­auf streckte Hans Pöhlen das Messer ein, nahm seine Stricke zur Hand, band mit dem einen den Grafen am Gabelast fest, schlang das Ende des andern um dessen Leib und arbei­tete sich dann, das andere Ende mit sich nehmend, wieder zum Rande der Schlucht zurück, wo wir seiner in banger Erwar­tung harrten. Sobald er einmal auf festem Grunde stand, gelang es unsern vereinigten Kräften mit leichter Mühe, ben Grafen vermittelst des Strickes, dessen Ende um seinen Leib geschlungen war, am großen Tau zu uns herauf zu ziehen.

Als sich der Graf etwas erholt hatte, traten wir den Rücktritt in's Bad an. Das erlebte Abenteuer war urtterwegs der ausschließliche Gesprächsstoff und jeder Umstand wurde hervorgehoben und beleuchtet. Was er mit seinem Messer ge­wollt, als er dem Grafen auf das Tau hinaus zu Hülfe ging? fragte Jemand unsern Führer.Dpm Herrn zur Ader­lässen, wenn ihmg'schmuncht" (ohnmächtig) worden wäre; das ist so Branch bei den Bergführern," gab Hans Pöhlen kurzweg zur Antwort. Der Graf ging still, ernst und blässer als je nebenher.

Vater Jmobersteg und Elseli gehörten zu den ersten, welche Weißenburg verließen; die Heuernte rief den Alten