Der WaNderer.
Belletristisches Beiblatt jur Nassaaischcu Allgemeinen Zeituag.
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v» is«. Donnerstag den 29. Juli iss».
Aenneli von Siebenthal.
Eine Bavegeschichte aus den Alpen.
(Fortsetzung.)
Wenn die Bewohner des vorderen Bades ihre Köpfe in einem Winkel von fünfundvierzig Graden nach hinten senken, so sind sie im Stande, zwischen bewaldeten Berghalden und senkrechten Felsen ein Stück wirklichen Himmels zu sehen; um nach dem Firmament schauen zu können, muß man sich im Hintern Bad auf den Rücken legen.
Ins vordere Bad geht nur, wer's vermag; es gibt dort nur Eine Tafel und werden nur appetitliche Gäste zugelassen; im alten Bade gibt cs vier verschiedene Tische und wird für die Hablichen, die Halbarmen, die Dreiviertelsarmen und die Ganzarmen viermal besonders gekocht, und zu den Letzter» gehören die armen Schwindsüchtigen, welche vom Berner Ju- sklspital eine Freikarte für Weißenburg erhalten, was ungefähr so viel ist als ein vistrtes Wanderbuch nach der Ewigkeit.
Die Empfehlung des Arztes hatte mir Quartier im vor- dern Haus zugesichert. Hr. Müller empfing mich aber mit der angenehmen Nachricht, daß mein Zimmer schon vergeben sei. Die Gäste, entschuldigte er sich, wären so zahlreich ein- getroßen, daß er genöthigt sei, sie wie die Häringe übereinander zu schichten; seine eigene Familie habe ihre Betten auf dem Dachboden aufschlagen müssen. Es bleibe' mir also nichts Übrig, als nach dem hinter» Bad zu wandern, wo noch ct- welcher vorräthiger Platz sei. Es bedurfte der energischsten Protestation und eines großen Aufwandes von Ueberredungs- ^ust, um mir endlich einige Cubikfuß Raum in der Zelle unes äußerst langen und dürren pasteur demissionaire aus ^1 Waadtland zu verschaffen. Diese Behandlung ärgerte wich um so gründlicher, als ich einige Augenblicke später in Erfahrung brachte, daß noch zwei der schönsten Zimmer des Hauses leer standen. Als ich Hrn. Müller darüber zur Rede zEe er lächelnd die Achseln und sagte, es thue ihm gräßlich leid, uiich nicht besser unterbringen zu können; die Pchuonirlichen Zimmer seien aufs festeste bestellt; er er
warte die Herrschaften von einem Tage zum andern. — Was war da zu thun, als sich in sein Schicksal und den langen, dürren, frommen, übrigens äußerst reinlichen und höflichen waadtländischen Zimmerkameraden zu ergeben?
Wer zu Weißenburg im vorder» Bad anlangt, der muß sich's schon gefallen lassen, etwas weniges Spießruthen zu laufen, wenn er nicht etwa um Essenszeit eintrifft. Da steht am Wege ein runder Pavillon, wo sehr emsig gestickt, gestrickt, gehäckelt und gehechelt wird, aber nicht Hauf. Da sind an der Front des Kurhauses lange grüne Bänke angestellt, auf denen während eines guten Theils des Tages dem Badearzt zum Trotz Cigarren geraucht und der christlichen Nächstenliebe zunl Schaden die Schwachheiten der Mitmenschen zergliedert werden. Hatte ich diese Scylla und Charybdis passiren müssen, so saß ich, um mich schadlos zu halten, nicht später als des andern Tages selber auf einer der grünen Bänke und steckte, auf Beute lauernd, eine Cigarre an.
Und siehe, cs trat ein Zug neuer Ankömmlinge aus dem Walde und bewegte sich langsam den gewundenen Fußpfad hinunter, den einzigen Weg, welcher auf der Welt zur Lan- wassernymphe von Weißenburg führt. Boran ritt auf Hrn. Müllers bekanntem alten tückischen Maulesel ein junger blasser Mann in gewählter Reisekleidung und von vornehmem Aussehen. Hinterher kam der braunlederne Tragscssel, von zwei keuchenden und schwitzenden Trägern geschleppt, und im Tragsessel eine Dame von starkem Embonpoint. Neben dem Tragsessel ging ein reich gallonirter Livreebedienter, mit allerlei rothen, blauen und grünen Tüchern, Mänteln, Regen- und Sonnenschirmen belastet. „Ah!" hieß cs da auf den grünen Bänken und im Pavillon, „da kommt die Herrschaft für Nr. 1 und 2. Das müssen vornehme Leute sein."
Ob dem Aufsehen, welches die Ankunft dieser frischen, so pompös aufziehenden Badegäste machte, achtete kein Mensch der Leute, welche ein Paar Dutzend Schritte hinter der srem- den Herrschaft her ebenfalls auf das Bad zngesteuert kamen. Es war ein altes kleines Männchen in mausgrauem Ueber- rock, das, vorsichtig aus seinen Stock gestützt, den gäben Rain herunter schritt. Neben ihm ging ein halberwachsenes Mädchen in äußerst sauberer Landestracht und mit zwei goldfarbi-