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Beiblatt jur

Allgemeinen Zeitung.

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Mittwoch den 14. Juli

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Der Bauernfänger

Erzählung von BcriiL v. Guscck.*)

i.

Es war ein herrlicher Frühlingsmorgen. Die Sonne leuch­tete warm durch die jungbelaubten Bäume und weckte mit ihren goldenen Strahlen überall das regste Leben; das grüne Laub flüsterte und tanzte im frischen Lufthauche, Vögel fangen und jagten sich in bett Zweigen, muntere Eichkätzchen spielten am Boden und kletterten die von Schlingpflanzen bezogenen Stämme hinauf oder schwangen sich mit Bogensätzen von Ast zu Ast, wobei der lange Schweif wie eine Flagge hinterher flatterte; in den Grashalmen aber liefen die flinken Käfer mit ihren glänzenden Panzern und die geschäftigen Ameisen, welche gar viel in allen Richtungen zu thuen hatten.

Einsam und traut war es an dieser abgelegenen Stelle im tiefen Walde, wo ein Gewässer mit langsamen Wellen, von vielen Wasserpflanzen bedeckt, sich dahinschlängelte, die Trauer­weide hatte sich zu ihm herabgebückt, um ihr lauges grünes Haar zu waschen und eine Brücke aus weißlichen Birkenzwei­gen gebaut, wölbte sich darüber. Unter einem Eichbaume mit breiter Krone stand eine kleine Bank und das junge Mädchen das zu früher Morgenstunde hier saß, war das einzigemensch­liche Wesen, das sich der süßen Einsamkeit freute. Ihre Ge- geywart schien die kleinen Geschöpfe der Thierwelt, die sich rings umher ihrer Morgenlust überließen, gar nicht zu stören. Das Mädchen war aber vertraut mit der Natur und gehörte nicht der großen Stadt an, welche kaum eine Viertelstunde von hier entfernt ihr imposantes Thor und ihre mit Palästen prangende vornehmste Straße eröffnete. Gestern erst aus einer fernen Provinz angekommen, hatte das unbefangene Kind, nach alter Gewohnheit so früh aufgestanden, daß die Stadt noch schlief, einen Gang durch die schweigenden Stra­ßen unternommen, welcher es endlich an das Thor geführt hatte. Hier ^er lockte ein grüner frischer Wald mit schönen Kiesgängen und die Kleine hatte nicht widerstehen können, sie war aus einem Gange in den anderen geschweift, immer tiefer hinein, bis sie zuletzt jene einsame und schöne Stelle gefunden hatte, wo sie sich niederließ, um sich ein wenig aus-

*) Aus Franz Hoffmanns itlustrirtem Volkskalender für 1852,

zuruhen. Denn die Füße brannten ihr von den ungewohnten Steinplatten auf welchen sie so weit gegangen war.

Hinter ihr drängte sich, in geringer Entfernung von dem Eichbaume, welcher sein Schirmdach über das unbedeckte Haupt des jungen Mädchens breitete, ein dichtes Gebüsch, in dessen Dunkel kein Fußpfad führte. Es hatte schon mehrmals da­rinnen gerauscht; da sich aber mancherlei Stimmen und Laute im Walde hören ließen, ehe sie von dem Lärmen des Tages auf den Chausseen jenseits und vor den zahlreichen Besuchern verstummten, so hatte das Mädchen sich weiter nicht danach umgeschen.

Jetzt theilten sich aber die Zweige hinter ihr und eine Männergestalt wurde sichtbar. Das war kein angenehmer Anblick. Von dem fadenscheinigen schmutzigen Rocke wollen wir nicht reden, die Armuth kann sich nicht helfen, sic sollte freilich den Schmutz nicht dulden, weder auf dem Kleide noch im Sinne ; aber leider wehrt sie ihm oft weder hier noch dort, und den schlechten Rock wollten wir dem Manne im Gebüsche wohl noch passieren lassen, wenn er nur ein besseres Gesicht gehabt hätte. Aber das sah aus, als müßte man davor ent­laufen. Eine dicke Nase und zwei schläferige wüste Augen waren das Erste, wovon Jeder gleich Notiz nehmen mußte; die Nase spielte in mehreren Farben und die Augen waren roth umrändert, auch hing unter jedem eine häßliche Beute- lung auf die eingefallenen Backen herunter und einzelne Strähne gelben, mit Grau gemischten Haares drängten sich unter dem zerdrückten, ah den Krämpen mehrfach eingerissenen Hute hervor; das Widrigste aber war der Mund mit seinen entfärbten und breit geöffneten Lippen, von einem nur mit der Schecre gelegentlich verzwickten Barte umstarrt.

Der Mann betrachtete das Mädchen lange und aufmerk­sam. Sie war vom Lande und zwar nicht aus der Nähe, das zeigte die etwas bunte Tracht, welche so gut kleidete, sie hatte keinen Hut auf, sondern trug ihr glatt gescheiteltes Haar, das hinten in einen glänzenden Knoten geflochten war, unbedeckt, ihre glänzenden Ohrringe interessirten den Mann besonders, auch eine silberne Kette bemerkte er.Kind, warnt dich denn keine innere Stimme vor der übelen Gesellschaft, welche sich dir aufdringen will?