Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Naffauischen Allgem. Zeitung.
No. 143. Sonntag den 20. Juni 1852.-
** Die Zigeuner
von Alerander Puschkin. Aus dem Russischen im Versmaße des Originales übersetzt von H. L. Schmitt.
(Schluß.)
XL
Der Strahl des Morgenrothes blitzet
Im Ost. Den Stahl noch in der Hand,
Sitzt dort Aleko blutbespritzet
Auf einem Stein an Grabesrand.
Des Mörders Aug' ist beiden Leichen
Mit wildem Starrblick zugewandt.
Zigeuner, aufgeschreckt, umschleichen
Ihn ängstlich, wagen kaum zu nahn,
Ein Grab den Todten zu bereiten;
Die Schaar der Weiber zieht heran,
Aufs Auge küssen sie die beiden.
Einsam der alte Vater ruht
Und blickt auf das verlorne Gut,
Unthätig, stumm in seinen Leiden.
Man trägt die Leichen zu dem Grab
Und senkt das junge Paar hinab,
Tief in den Schoos der kalten Erde.
Aleko gab auf Alles Acht;
Doch als die letzte Hand sich leerte
Vom Staube, den sie dargebracht —
Da sank er allgemach und schweigend
Vom Stein herab ins GraS sich neigend.
Zutretend spricht der Greis ihn an:
„Zieh' weg von unS, du stolzer Mann!
, Wir Wilven folgen nicht Gesetzen, Noch quälen wir durch ein Gericht; Kein Blut, kein Stöhnen soll unS letzen: Doch duloen wir den Mörder nicht. Dir sagt nicht zu das wilde Leben, Es soll nur dir die Freiheit geben, Uns schrecket deiner Augen Grimm; Wir sind von Herzen gute Leute, Doch furchtsam; du bist kühn und schlimm. Leb' wohl; dir folge Fried' und Freude"!
Er sprach's, und rasch darauf zerstreute Sich rauschend in das Thal die Schaar, Das Schreckenslager abzuschlagen; Und bald in weiter Ferne war Verschwunden Alles. Nur ein Wagen, Mit armen Decken überspannt, Auf dem unsel'gen Felde stand.
So bleibt im Spätherbst auf dem Felde, Zur Zeit der Morgennebelkälte, Wenn sich die Kranich-Schaar erhebt Und nach dem fernen Süden schwebt — Bleibt einer so zurück bisweilen Und senkt den Flügel, das Geschrei Der Ziehenden kann er nicht theilen, Durchbohrt vom unglücksschweren Blei.
Der Abend sank; kein Feuer hellte Des Wagens stille Dunkelheit, Und unterm Dach im Wanderzelte Schlief keiner bis zur Morgenzeit.
XII.
Epilog.
Wenn des Gesanges Zauber walten, Belebt sich die Erinnerung;
Bald heitere, bald Nachtgestalten — Sie werden plötzlich wieder jung. Im Lande dort, wo jetzt seit Jahren Des wilden Kampfes Toben schweigt; Wo streng der Russe Stambul's Schaaren Des Reiches Gränzen einst gezeigt;
Wo unser Doppeladler rauschet, Den Tönen alten Ruhmes lauschet: Fand ich in Steppen, auf der Spur Der Lager, die da aufgeschlagen, Einst friedlicher Zigeuner Wagen, Der freien Kinder der Natur. Doch auch in euern armen Sitzen Wohnt nur des Glückes falscher Schein; Und durch der schlechten Zelte Ritzen, Stiehlt sich der Träume Qual herein.