Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur
' 1. Zeitung
No. 138. Dienstag den 15. Juni 1852.
** Die Zigeuner')
Wn Alexander Puschkin. AuS dem Russischen im Versmaße des
Originales übersetzt von H. 8. Schmitt.
I.
Durch Bessarabiens Ebenen streicht
Geräuschvoll der Zigeuner Bande;
Die Nacht hat sie am Fluß erreicht.
Die armen Zelte stehn am- Strande.
DaS Lager ist, der Freiheit Bild,
Froh unterm Himmel aufgeschlagen;
Des Feuers Schein umleuchtet mild
Die Räder halbbedeckter Wagen.
Der Abendmahlzeit wird gedacht,
Die Pferde gehn auf offnem Felde;
Ein zahmer Bâr liegt unbewacht
In Freiheit hinter einem Zelte.
Von Leben rauscht die Steppe weit:
Sie sorgen Alle, sind bereit,
Sich früh von dannen zu bewegen;
Dort singt ein Weib, ein Knabe schreit,
Der Ambos tönt von lauten Schlägen,
Doch Schlafesruhe senkt jetzt schnell
Sich auf das Reiselager nieder;
Nur Pserdewiehern, Hundsgebell
Hallt in der stillen Steppe wieder.
*) Der Name des russischen Dichters Puschkin ist in neuester Zeit so vielfach genannt worden, daß es wohl nicht uninteressant sein dürfte, eines seiner kürzeren Gedichte nach einer von einem gebornen Nassauer herrührenden , bis jetzt erst im Jahr 1846 in „Lewalds Europa" erschienen Uebersetzung mit Erlaubniß des Uebersetzers hier mitzutheilen. Die Uebersetzung dieses gehaltvollen Gedichtes schließt sich sogar bis auf die genaue Beobachtung des Wechsels im Gebrauch der männlichen und weiblichen Reime möglichst eng an das Original an, nur hat sie auf den eigenthümlichen Reiz der russischen Reime Verzicht leisten müssen. Diese gestatten nämlich dadurch, daß in den weiblichen Reimen die schwachen Sylben noch mit den verschiedenen Vocalen vorkommen, eine Mannigfaltigkeit des Lautes, gegen welche die deutsche Sprache mit ihrem fast regelmäßig wiederkehrenden e in der schwachen Sylbe höchst arm und eintönig erscheint. Die Red.
Erloschen sind die Feuer all, Zur Ruh' hat Alles sich gewendet; Der Mond vom Himmel seinen Strahl Herab ins stille Lager sendet. Sich wärmend an der letzten Glut Der Kohlen, dort im Zelte, ruht Ein Greis noch nicht; er überschauet Die Ebne, die des Stromes Fluth Benetzt und Abendhauch bethauet. Die Tochter, sein geliebtes Kind, Hat in der Wüste sich ergangen; Sie folgt dem eigenen Verlangen Und wird schon kommen; doch der Wintz Der Spätnacht weht, im Wolkengleise^ Sinkt bald des Mondes Scheibe fahl; S em fire fehlt und fehlt, dem Greif« Erkaltet allgemach das Mahl. — Da ist sie; durch die Steppe rennet Dicht hinter ihr ein junger Mann, Den keiner der Zigeuner kennet. „Ich bringe", hebt die Tochter an, „Dir einen Gast, dort bei den Pferden, Da traf ich ihn und für die Nacht Hab' ich in's Lager ihn gebracht; Er will gleich uns Zigeuner werden. Vor dem Gesetze floh er weit;
Ich aber will ihn freundlich pflegen; Er heißt Aleko; ist breit, Mir nachzuzieh'n auf allen Wegen".
Greis.
Willkommen! bleib' in unserm Zelt, BiS wieder sich die Nacht erhellt. Auch kannst du länger bei uns weilen; Wie dir'S bedünket; gerne mag Ich dir gestatten Brod und Dach. Bald wirst du unser Schicksal theilen, In Armuth frei umherzueilen; Und morgen mit dem Dämmerschein Wird ein Gespann uns weiter leiten; Doch einem Dienst mußt du dick weihn, Mußt schmieden oder Sänger sein Und in das Dorf de» Bär begleiten