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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

No. 134. Donnerstag den 10. Juni 1852.

Die Königin der Stacht.

Roman von Levin Schücking.

s« o r t s e tz u n g.)

Maximilian ließ Amalgunden eine Weile sprechen, ohne ihr zuzuhören. Dann sagte er ihr:

Aber wenn sie zu Euch kam, rm Wahne, hier mich, ihren Gatten, zu finden, weßhalb verbargt ihr eS mir? Ich hätte sie gesehen, ich hätte mich vor ihr rechtfertigen können, ich hätte von ihr Winke zur Erklärung des ab­scheulichen Spieles, daS mit mir getrieben wurde, erhal­ten, ich hätte mit ihr über unsere Lage gesprochen, wir hätten eine Lösung, eine Rettung auS diesem schrecklichen Abgrunde gefunden . ..

Eine Lösung? wiederholte Amalgunde. . . als ob cS eine Lösung, eine Befreiung auS solcher Lage gäbe, als ob noch eine Rettung möglich wäre, wenn der Schlag des Verderbens gefallen ifö und unS in eines boden­lose Tiefe deS Elends geschleudert hat! Als sie einmal da war, mit den Beweisen, daß sie dein Weib sei, in der Hand, waS konnten wir da anders thun, als sie kniefällig bitten, um deinetwegen auf dich zu verzichten, In ihre Heimath zurück zu kehren und ihre Existenz vor Jedermanns Auge, aber besonders vor deinem geheim zu halten? Denk an Margarethen! War sie nicht in dem Augenblicke, wo du erfuhrst, daß die Spanierin noch lebe, für immer verloren ist sie eS nicht jetzt, bist du nicht tn deinem Gewissen verpflichtet, Margarethen zu verlassen, nm deines ersten, rechtmäßigen WeibeS Willen? Geh, folge ihr nach, diesem Weibe, dem wir den Staub von ben Füßen geküßt haben, um sie bei ihren guten Vorsätzen, bei dem Entschlusse der Entsagung zu erhalten von der wir daS Unwürdigste schweigend ertragen haben, um deiner« und um Margarethens willen!

Und um der Familienehre, um Eures Namens und Eures RufeS vor der Welt willen, Tante... eS ist nicht der Augenblick, Vorwürfe zu machen!

Geh, fuhr die Freiin Amalgunde fort, aberein Thränenstrom erstickte ihre Stimme, und nur schluchzend konnte sie noch einige unverständliche Sylben hervor­bringen.

Ich gehe nicht sagte Maximilian entschlossen. Margarethe ist und bleibt mein Weib!

So wird der Bruder der Spanierin ...

Ihr Bruder?!

Ja, ihr Bruder .. .

Don Alonso Revenga?

So steht auf seiner Karte er ist gestern gekommen, und sie ist mit ihm gegangen...

Er war eS also! rief Maximilian auS; dieser Spa­nier, der sich Henriquez Valderrama nannte o, ich ahnte, ich fürchtete eS... Ja, der wird alles thun wider mich... der ist ein Mensch, wie ein böser Geist. Ich kann mich auf eine Ladung der Gerichte, auf den Kerker gefaßt machen.

Maximilian sank in sich zusammen und verbarg sein Gesicht in seinen Händen. Ruprecht Mildenfurth saß lautlos brütend da; AmalgundenS leises Schluchzen un­terbrach allein die Stille in dem hohen düsteren Gemach, in welchem die Kerzen bis auf den Rand niedergeflackert waren und eine rothe, unruhige Helle verbreiteten. Ma­ximilian wurde diese Stille nach einer Weile unerträglich. Er erhob sich und verließ lautlos ohne Grund das Zim­mer; eS trieb ihn wieder in die Nacht hinaus. Langsam schritt er über die Brücke, den Hof und die Eichen -Allee hinab; sein Pferd stand noch jenseits an dem Gitterthor feügebundtn, wie er es verlassen hatte. Noch einmal übersprang er die Hecke, schwang sich auf und schlug den Weg nach BurSbeck ein. ES zog ihn im tiefsten Innern