Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Naffauischen Allstem. Zeitung.
No. 124. Freitag den 28. Mai 1852.
Die Königin der dkacht 1
Roman von Levin Schücking.
(Fortsetzung.)
Habe nur Geduld, Wennemar; die Entdeckungen, welche ich hier in Mildenfurth gemacht habe, werfen durchaus kein vortheilhafteS Licht auf dich... ich muß dir das ohne Rückhalt erklären — du hast dir einen Aprilscherz mit mir erlauben wollen, der, offen gestanden, eine Impertinenz war. Ich kann das Wort nicht zurücknehmen, wenn ich auch annehmen will, daß man deine schlaffe Gutmüthigkeit, die sich zu Allem bereit finden läßt, gemißbraucht oder dich hinter der Flasche zur Theilnahme verführt hat.. .
Maximilian, wovon redest du? fragte Wennemar von Waterlapp, ein paar Schritte weit zurückstrauchelnd und mit unverhohlenem Erstaunen — auch über den Undank der Welt, die so seine unerschöpfliche Dienstfertigkeit und Opferwilligkeit lohnte!
Ihr habt in Köln einen Brief auf die Post geben lassen, an Margarethen adressirt und bestimmt, mir in die Hände gespielt zu werden — wenn der Scherz von jemand völlig Zurechnungsfähigem ausgegangen wäre, so würde ich ihn auf Pistolen fordern.
Chronist Wennemar war über diese Beschuldigung so verwundert, daß er die Beleidigung überhörte, womit Maximilian in seiner Gereiztheit sie würzte.
Ich will ein Kind deS ToveS sein, wenn ich eine Ahnung habe , wovon du redest!
Maximilian brauchte kein Menschenkenner zu sein, um dem Historiographen am Gesicht anzusehen, daß er die Wahrheit sprach. Er stritte ihn eine Weile und ließ dann seine Blicke nachdenklich auf bin Boden gleiten; Edlich faßte er Wennemar unter dem Arm, zog ihn seit
wärts in das Rebenberceau und warf sich hier auf eine Bank.
Wennemar setzte sich nehen ihn, stumm ihn anblickend, aber ein Fragzeichen in jedem Zuge, in jeder Miene seines gelehrten HauptcS. Maximilian achtete auf diese stumme Beredsamkeit nicht. Er zeichnete mit dem Stiel seiner Reitpeitsche Figuren in den Sand und blieb stumm. Er war aufs Reue in ein Meer von Zweifeln geworfen. Sein Oheim hatte die Unwahrheit gesprochen, waS den rätselhaften Brief anging und waS den übergeschnappten Studenten anging — EinS so war wenig wahr wie daS Andere .. . zwar für Margarethens Unschuld hatte er sein adeliges Ehrenwort verpfändet, und darauf konnte Mar getrost Häuser bauen — aber alles Andere war wieder undurchdringliches Geheimniß geworden — auch waS der GârtnerSfrau weiblicher Scharfsinn so eben als Hypothese aufgestellt hatte, war unmöglich anzunehmen., zu Ende mit seiner Geduld stampfte der junge Mann heftig den spornklingenven Stiefel auf den Boden und rief auS:
Ich will aber allen diesen Dingen auf den Grund kommen, und müßte ich auch den Teufel dabei um Hilfe rufen!
In diesem Augenblicke fiel plötzlich ein schwarzer Schatten auf die beiden Männer, und Wennemar fuhr mit einem SchreckenSauSruf in die Höhe. Ihnen gerade gegenüber lag einer der Eingänge in daS Berceau, der, oben in Bogenform abgerundet, eine Art gothaischer Thoröffnung bildete. In diesen Thorbogen war eine hohe dunkle Gestalt getreten, die mit einer rauhen Baßstimme und einem unbeschreiblich fremdartigen, schwerfällige!» Tone in französischer Sprache sagte:
Wollen Sie mich zum Gehülfen?
Maximilian sah erstaunt auf. Es war eine düstere Physiognomie, die ihn mit den schwarzen Augen anblitzte, halb geborgen von dem breiten Rande deS gelben Sombre»