Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem.
No. 120. Sonntag den 23. Mai 1852.
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Die Königin der Nacht.
Roman von Levin Schücking.
(F o r t s e tz u n g.1
Maximilian Rauschenloo wußte nicht, was in Wesen und Ton seines Onkels bei diese? Mittheilung lag, das ihm Mißtrauen gegen die Wahrheit derselben einflößte; doch suchte er diesen Eindruck von sich abzuschütteln, da die Angaben ja nichts Unwahrscheinliches enthielten. Der Oheim klingelte seinem Bedienten jetzt, und als dieser erschien, sagte er seinem Neffen:
Du kannst freilich nicht mehr heim, eS ist Nacht geworden. So geh denn jetzt in dein Zimmer nach oben, laß dir Nachtessen bringen, und dann lege dich schlafen. Morgen mit dem Frühesten mache dich heim. Gute Nacht, Max.
Gute Nacht, mein gnädigster Onkel, antwortete der junge Mann, sich auS einem unruhigen Nachdenken, in welches er sich zu verlieren begonnen, aufraffend, machte seinem Oheim eine tiefe Verbeugung, und folgte dem Diener, der einen silbernen Armleuchter mit brennenden Wachskerzen in der Hand, vor ihm hecfchrilt und ihn durch einige Gemächer dann eine breite Stiege empor in das Zimmer führte, welches Mar gewöhnlich auf Mil- denfurth bewohnte.
Kurze Zeit darauf dröhnte der schwere Schritt des Freiherrn in dem engen und langen Corrivor, welcher aus seiner Wohnung in die Gemächer seiner jungfräulichen Schwester Amalgunde führte. Sie saß in ihrem Salon in einem Lehnsessel am Fenster. Es war eine große, hagere und ernste Dame in einem schwarzen Sei- dengewande, welches bis hoch am Halse schloß; ein zierliches Spitzenhäubchen bedeckte das ergrauende Haar. Das Gallenfieber, welches sie verhinderte, ihren geliebten Neffen zu begrüßen, mußte sehr milde und geringfügig stin, denn sie saß aufrecht da, und ihre feinen, aber
markirten, langgespannten Züge zeigten ihren gewöhnlichen mattgelben Teint mit starkem, durch die trockene Haut schimmerndem rothem Geäder, gerade so, wie sie immer auSsah.
Dor ihr stand ein Nähkorb auf einem kleinen Tische, angefüllt mit einem großen Vorrath von buntfarbiger Wolle, welchen Fräulein Amalgunde zu einer Stickerei brauchte; aber sie hatte, so schien eS, schon lange nicht mehr gearbeitet, denn auf die weiche Wolle hatte sich ihr weiß und braun gefleckter, seidenhaariger Wachtelhund gebettet und blickte, das Kinn auf den Rand deS KorbeS stützend, mit unbeschreiblicher Keckheit seine Gebieterin an, welche nicht Grausamkeit gènug besaß, ihren ungezogenen Liebling auS seinem warmen Neste zu werfen. ES war ja zudem auch zum Arbeiten viel zu dunkel geworden, alS der Freiherr Ruprecht eintrat und, den Schweiß sich von oer Stirn wischend, seiner Schwester zurief:
Der Junge ist da! Sie muß augenblicklich fort — noch in dieser Nacht, oder die Sache schlägt unS über dem Kopf zusammen!
Leiser, leiser, guter Ruprecht, lispelte Amalgunde sich erhebend.
Das Fräulein, welches in Allem das Widerspiek ihreS BruderS war, hatte sich nach und nach daS sanfteste Lispeln unbewohnt, um ihm dadurch daS Ueber« flüssige des Kraftaufwandes anzudeuten, welchen er ohne Unterlaß feinem Respirations-Organe zumuthete.
Wo ist Maximilian? fuhr sie fort.
Ich habe ihn in sein Zimmer führen und ihn darin einsperren lassen!
Gott, wie unvorsichtig ist daS! Immer deine rohen Gewaltmittel!
Rohe Gewaltmittel! Als wenn eS andere gäbe! Schaffe sie fort, rathe ich dir, oder ich greife zu einem noch viel roheren Gewaltmittel! Ich nehme Schwefel-