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Der Wanderer.

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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

No. 113. Freitag den 14» Mai 1852.

Die Königin der 9dacht.

Roman von Levin Schnâing.

sF o r t s e tzm n g.)

Drittes Capitel.

Schloß Mildenfurth.

Maximilian Rauschenloo näherte sich um die Mit­tagsstunde seinem Ziele, dem Wohnsitze seines Oheims Ruprecht, des alten Freiherrn auf Mildenfurth. Sein Weg hatte ihn durch eine anmuthige, wohlangebaute Landschaft geführt, durchzogen vom Wellenschlag kleiner Hügelerhebungen von sehr geringer Höhe, reich an Wald und Gebüsch, übersäet mit höchst malerischen, nach alt- fasslscher Weise zerstreuten Siedlungen; im Schatten der Eichenkämpe lagen die Oberhöfe; an den langsam schlei­chenden Wiesenbächen, welche der Sommer auSgetrocknet hatte, neben den getreideüberfluteten Halden hoben sich der Heuerlinge bescheidenere strohgedeckte Hütten.

ES war die Zeit der Aernte; alles Volk war drau­ßen auf den Feldern, man hörte überall das Rauschen unter rastlosen Streichen niederschießender Halme, daS Gedengel der Sensen, daS Gelächter und Scherzen der Dirnen, welche, Garben bindend und aufrichtend, den Mähenden Männern auf dem Fuße folgten; während als dritte Reihe, als die Tertiarier dieser friedlichen Schlacht­ordnung, die nacktbeinige Schuljugend in ihren Holz­schuhen nachgerückt kam, um die liegen gebliebenen Aehren, iu lesen. DaS johlte, sang, pfiff und Prügelte sich aus Freude über den lieben Gottessegen! Selbst der Luft schien warm und wohlig zu Muthe zu sein, sie hauchte unserem einsamen, düsterblickenden Reiter zuweilen ganze Fluten von kräuterhaften Wohlgerüchen ins Gesicht, den Würzigen Duft aus den gemähten Pflanzen, die das Korn durchwachsen.

Maximilian aber blieb derselbe düstere Mann , der theilnahmloS und beinahe widerstrebend nur die heiteren Bilder um ihn her in seine Augen, die warme Sonnen, lüft in seine verschlossene Brust aufnahm. Er hatte einen besonderen Aergcr noch; er hatte heute einen wahren Guignon mit seinen Vettern und Muhmen und Cousinen; eS war, als ob sein böser Geist sie sammt und sonders hergelockt und ihm auf seinen Weg getrieben hätte, um ihn aufzuhalten, um ihm höchst ausführlich ihre Meinung über den Werth der Aernte, die Beständigkeit des guten Wetters und den Stand der heurigen ZagdauSsichten mitzutheilen; und dann, wenn er endlich ihrer los zu sein glaubte, dann fing zumeist erst recht ihre Beredsam­keit an, sich zu entwickeln, dann fragten sie nach Mar­garethen dann wollten sie wissen, wie eS Margare­then gehe und weßhalb Margarethe Maximilian nicht begleitet habe, und wann Margarethe einmal aufs Land herauskomme, und wie sich alle freuten, die liebe, liebe Margarethe wieder zu sehen . . .

Maximilian Rauschenloo wurde darüber in seinem Innern so bitter und gallig zu Muthe es ging ihm zum ersten Male in seinem Leben eine Lord Byron'sche Weltverachtung auf. Bei der letzten dieser Begegnungen verlor er beinahe die Geduld. Es war ein vierschrötiger Landjunker, der mit seiner Gemahlin, drei Söhnen und vier ellenlangen, aber auch ellendünnen Töchtern von seinen Feldern kam und nun in die benachbarte väterliche Burg, deren Giebel seitwärts auS einer Baumgruppe hervorlugten, heimkehrte; wie echter Raubadel machten ihm diese Leute die Heerstraße unsicher und überfielen ihn undverstrickten" ihn, in ein unendliches Gespräch nämlich! ?

Maximilian wollte endlich die Zügel des Pferdes, die der Landjunker ergriffen, ihm aus den Händen zerren; aber der Baron von Buröbeck ließ sich durch diesen schüch-