Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
No. 111. Mittwoch den 12. Mai 1852.
Die Königin der Nacht
Noma» von Levin Schücking.
sF o r t s e tz u n g.)
Mar war über der Betrachtung der Vorzüge seiner Gattin allmählich eingenickt. Da öffnete sich leise dir Thür deS Gemaches, der Groom, jetzt in brauner Livre mit goldenen Gallons trat ein und überreichte seinem in die Höhe fahrenden Gebieter einen Brief, den eben der Postbote abgegeben hatte.
An die gnädige Frau! sagte Mar verweisend.
Gnädige Frau sind nicht mehr zu Hause und. ..
So? — Nun, eS ist gut!
Der Groom ging, und Mar legte den Brief vor sich hin auf den runden Marmortisch. Nach einer Weile nahm er ihn wieder in die Hand und betrachtete die Adresse. Sie lautete:
Madame la Baronne M. de Rauschenloo.
und trug den Poststempel Köln. Eine deutliche, sehr feste Mânnerhand hatte die Worte geschrieben.
AuS Köln? — wer kann von dort aus an Marga» "the schreiben?
Er wandte den Brief: die Rückseite zeigte den Ausdruck eines stattlichen Wappens mit allerlei schönen Sachen, einem geschienten Arm und einem Schwert, um welches sich ein Lorbeerkranz schlang, und darüber prangte ein offener Turnierhelm, als dessen Zimir eine steigende Jungfrau mit drei v ollen Rosen in sder Hand sich prâ- sentirte. . .
Das hat sich einer gewiß selber gemacht, dachte Mar ®'i spöttischem Lächeln — wie kann sich Margarethe mit jemand fausilirt haben, der solch ein abonimables Pet- lehast führt |
Er warf den Brief auf den Tisch zurück.... aber ^S weiße Couvert blickte ihn au wie ein Räthsel, daS
durchaus von ihm gelöst sein wollte; eS war in dem großen Siegel, das rund und schillernd vor ihm lag, etwas wie ein neckischer Kobold, der ihn anblinzelte, etwas wie daS Auge eines rothen Salamanders, der einen Schatz hütet; und die Jungfrau hielt ihm so spöttisch ihre drei Rosen hin, als wollte sie ihn geflissentlich reizen, zu» zugreifen... eS ist eben ein abscheuliches Ding, wenn einmal ein Gelüst nach Verbotenem in uns aufgestiegen ist — man äugelt, man spielt, man tastet so lange daran umher, biS . . .
DaS Siegel springt — eS ist schlechter Lack! sagte Maximilian von Rauschenloo, und während er den Brief auS dem Couvert nahm und die Blätter entfaltete, beschwichtigte er sein Gewissen aufs auSgiebigste mit dem Gedanken, daß ja morgen seiner geliebten Margarethe NamenStag, daß der Brief ja möglicher Weise etwas Unangenehmes oder Beunruhigendes und Störendes ent» halten könne, und daß sie ihm jedenfalls für die zarte Aufmerksamkeit dankbar sein werde, womit er sich jetzt die Mühe gebe, ihre Briefe aufzufangen und zu öffnen, auf daß nichts an sie gelange, was die ungetrübte Heiterkeit der jungen Frau an einem solchen Tage stören könne.
Aber Maximilians Ruhe sollte bald erschüttert werden , seine Hand begann zu zittern,, als er nur die erste Zeile erblickt; er laS folgende Worte:
„Endlich mein schöner Flüchtling, kleiner Querkopf bin ich in Deutschland. Wo bist Du theures Kind, wohin soll ich meine Schritte richten, um Dich zu sehen, Dich zu umarmen. Doch ich vergesse — ich bedarf eines Führers. Sobald sich dieser mir zeigt, eile ich zu Dir.
Köln, 10. Juli. Dein Alphons.
Mar von Rauschenloo wurde todtendlaß, und seine Lippen bebten, und sein Herz stand still wie in Krampf, und dann schlug eS in einzelnen langsamen Schlägen so