Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitmg.
No. 107. Freitag den 7. Mai 1852.
Die Königin der Nacht
Roman von Levin Schücking.
. (Fortsetzung.)
Als die jungen Männer um den Tisch vor dem Eopha Platz genommen hatten, und alS die Gläser gefüllt waren, erhob ver Provinz-Sandor das seine mit den Worten:
Nun, Margarethe, deine schöne junge Hausfrau, diese Zierde ihres Geschlechtes, soll leben!
DaS soll sie! sagte der, welcher vorhin seinen Zweifel an dem angegebenen Preise veS Pferdes gegeben hatte, ein schlauer Jüngling, welcher sich mit sehr großen und deutlichen Buchstaben, die AlleS eher als geniale Ueber- eilung bet dieser Arbeit verriethen, Fritz Freiherr von Nagler unterschrieb; daS soll sie —um ihrer selbst willen und weil sie unS Maximilian jetzt für immer hier an die Erde seiner Väter fest gebannt hält.
Maximilian von Rauschenloo, der Herr vom Hause, stimmte sehr geschmeichelt in den Toast ein, den man seiner jungen Gattin brachte, aber er protestirte gegen die An- Uahme, daß er nun für immer sich an sein Vaterland ge- dunden glaube.
Wer weiß, wie bald ich wieder auf meinen Posten 8^e! saHke er.
Ah bah , fiel der Sandor ein ... auf deinen Posten ! möchte wissen, waS du auf deinem Posten machst! ist ja doch nur die alte Geschichte von dem, der nichts 'Hut, und dem, der ihm hilft. Bei dem, was Graf R., dein Gesandter, thut — dabei kannst du ihm hier gerade (° gut helfen, wie in Madrid.
Oho, Maximilian ist durchaus nicht ein schlechter Diplomat, siel Fritz Nagler ein; ich habe ihn einmal geäugt. Glaubst du, daß unser Ministerium sich noch lange!
halten kann? Da hat er mir mit wichtiger Miene geantwortet ; Seine Majestät der König befinden sich vortrefflich, und dann hat er sich still beseitigt. Wenn daS nicht eine fein ausweichende diplomatische Antwort ist, so weiß ich's nicht!
Alle brachen in ein Gelächter aus.
Talent verräth sich doch, sagte Der mit dem fuchsig schillernden Bart — er hieß Philipp von Mainhövet — daS Talent, die Leute inS Gesicht zum Besten zu haben, daS ist die Hauptkunst der Diplomaten!
Ja, ja, der Max ist ein Diplomat, hieß eS-- sonst hätte er unS auch nicht daS Juwel, die Krone aller Mädchen im Lande wegzufischen gewußt.
In diesem Augenblicke öffnete sich die Thüre deS SalonS, und daS Juwel, die vielbesprochene junge Frau, trat ein; die Männer sprangen von ihren Stühlen auf, nur Maximilian blieb sitzen, es war ihm unangenehm, daß Margareihe sich in diesen KreiS wagte. Margarethe war in der That eine schöne Erscheinung, und weil sie schön war und lebhaft, so war sie auch daS, waS ihre Freunde geistreich nannten. Schönen Frauen ist eS so leicht gemacht, geistreich zu sein, wie Königen, populär zu werden. Weil sie nur Huldigungen begegnen, und »veil sie eine Art von Herrschergewalt üben, so entwickelt sich leicht in ihnen jene Kühnheit, alle Gedanken und Einfälle frischweg auszusprechen, welche den unschönen Frauen oft weit mehr mangelt, als die Einfälle selbst ihnen mangeln. Die Welt will betrogen — aber sie will in noch höherem Grabe mißhandelt sein. Der Uebcrmulh des Selbstgefühls imponirt ihr — je naiver, sprudelnder, kecker dieser Uebermaß hervortritt, desto mehr wird er verehrt. Beatrix in „Viel Lärmen um nichis" wird um so glühender geliebt, je kühner und rücksichtsloser sie mit Benedict umspringt. So war auch Margarethe „geistreich", daS heißt, sie war schön, lebhaft, gebildet, sie hatte den Muth ihrer