Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
No. 106. Donnerstag den 6. Mai 1852.
Die Königin der Nacht
Roman von Levin Schücking.
(Sortierung.)
Martin hatte weder die Spürkraft eines wilden Naturmenschen, einer irokesischen Rothhaut, noch hatte er die beispiellose und unvergleichliche Scharfsichtigkeit deS witzigen Beaumarchais, welcher auö einem weißen Atlaß- Echuh einer Dame, den er auf den Boulevards fand, den Wuchs, daS Alter, die grauenhafte Taille der Besitzerin entdeckte, ja, daß sie verheirathet, aber kinderlos sei, und daß sie ausgezeichnet daS Menuet de la reine tanze; aber Martin entging dennoch nicht, daß nie der Fuß eines der adeligen Fräulein, welche von Zeit zu Zeit in seinen Garten kamen, in dem weichen, von ihm sauber gerechenten Grunde einen so feinen, zierlichen Eindruck hinterlassen , eine solche elastische Flüchtigkeit deS Schrittes verrathen hatte und eine solche feine Zeichnung der Umrisse. Martin folgte mit der Lampe den Spuren; er entdeckte sehr bald neben den größeren Fuß- siapfen die Spuren der kleinen nackten Füße seines Heinrich; unter dem Fenster waren sie einmal tief eingedrückt in den Sand — das Kind war also hinabgesprungen; bann folgten sie den anderen, theils ihnen zur Seite, Heils zwischen, hinter ihnen bleibend; eS war deutlich, bas Kind war nicht getragen worden, sondern eS war neben und hinter dem Wesen einhergeschritlen, von dem rs, vielleicht aus Furcht vor Strafe, behauptete fortgeiragen worden zu sein.
Zweites Capitel.
Der Diplomat.
Nicht sehr weit, nicht eine halbe Tagereise von dem ^ute entfernt, auf welchem die im vorigen Abschnitt er- iâhlten Ereignisse vorfielen, lag die Hauptstadt der Pro
vinz. Am Morgen nach dem Abende, an welchem Martin und Gertrude ihr einziges Kind geraubt wâhnten, waren in dieser Stadt mehrere blauäugige, blondhaarige und blühende junge Männer mit großen Bärten versammelt. Sie standen in einem von der Straße durch ein eisernes Gitterthor mit stattlichem EinsahrtSthore abgeschlossenen Hofe eines großen Hotels. Im Hintergründe dieses Raumes erhob sich daS ansehnliche Hauptgebäude mit hoher Treppe, rechts und links schlossen Stallungen Remisen und Diensträume den Hof. Die jungen Leute halten sich in einer Reihe aufgepflanzt und sahen mit gespannter Aufmerksamkeit den Bewegungen eines auffallend schönen PferdeS zu, welches ein Groom in blau und weist gestreifter Stalljacke in gestrecktem Trabe an ihnen vorüberführte.
Trägt und sticht ausgezeichnet! rief einer der jungen Männer, der pockennarbig war, einen großen blonden, inS Fuchsige schillernden Bart hatte, und was Pferde- und Reiterkünste anging, für den Graf Sandor der Provinz galt . . . aber er ist noch etwas steif in den Ga« naschen.
DaS wird sich bald geben; daS Thier hat Bewegungen so elastisch, wie eine Stahlfeder, versetzte ein anderer der blonden Hippologen—aber vielleicht etwas zu kräftig durchschlagend für eine Dame.
O, Margarethe liebt daS ! antwortete der Herr vom Hause, ein schöner junger Mann, kaum in den Dreißigen, der sich von den Anderen dadurch unterschied, daß seine Gestalt noch etwas größer und schlanker und seine Züge etwas dunkler und gebräunter waren, als die seiner Freunde; Margarethe liebt daS, sie spottet immer über die anderen Frauen, die auf einem Pferde wie auf einem Sopha sitzen wollen — o, sie hat Courage!
Dann wird sie ihre Freude an dem Braunen haben; wahrhaftig eS ist ein hübsches NamenStagS-Geschenk! fiel