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Der Wanderer.

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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

No. 105. Mittwoch den 5. Mai 1852.

Die Königin ver Nacht

Roman von Levi» Schücking.

(Fortsetzung.)

Es war Gesang gestern in der Nacht noch hörte ich es. DaS Kind weckte mich um Wasser. Du schliefst. Ich stand auf, und wie ich über die Schwelle der Kam- Merihüre trat, hörte ich .den Gesang wieder, aber weit naher als früher, und doch nicht so laut wie sonst, wenn er...

Wenn er da aus der Gegend des alten BaurS zu kommen scheint...

So ist's ... Darum öffnete ich leise daS Fenster in dir vorderen Stube und blickte hinaus... ich sah eS unter dem Rebengeländer langsam vorüber gehen. DaS Mondlicht fiel nur schwach in das Berceau hinein, aber ich sah eS deutlich daher gehen, und der Gesang kam von derselben Seite.

Martin stützte sein Kinn auf die Hand deS über der Tischplatte ruhenden ArmeS, [unb da daS Eis nun ein# uwl gebrochen war, erzählte auch er, was er gesehen.

Der Gärtner erzählte seinem Weibe, daß er mehr- Mals AbenoS aber immer nur sehr spät die eigen­tümliche Musik vernommen, welche ihm wie auS dem [° genanntenalten Bau" jenen Thürmeck mit dem schmalen Giebel in der Mitte, von denen oben die Rede war herzukommen geschienen, so sehr er sich auch ge« sträubt habe, dies anzunehmen, da er ja wisse, daß der Ee Dau seit undenklichen Zeiten nicht mehr bewohnt ge» sei. Endlich, vor mehreren Tagen eS sei an dem Abende gewesen, an welchem seine großeKönigin der Nacht" aufgeblühthabe er sich um eilf Uhr noch ein-

in daS Glashaus oben im Garten begeben, um seine schönen Pflegebefohlene zum letzten Male anzusehen, be­

vor sie daS große strahlende Blumenauge, das sie um die DämmerungSstunde aufgeschlagen, für immer wieder­schließe. Da habe er, nachdem er eine Weile in den An­blick versunken dagestanden, einen dunklen Schatten an sich vorüber gleiten sehen; rasch habe er sich gewendet und nun draußen eine an der Glaswand herwandelnve Gestalt gewahrt, ein ganz schwarz gekleidetes weibliches Wesen, mit todtenblaffem Gesicht, Niemandem, den er je gekannt, irgend ähnlich sehend; langsam, die Arme untergeschlagen, daS Haupt etwas gesenkt, und völlig unhörbar fei sie einhergeschritten, als wenn sie den Boden nicht berühre, sondern schwebe. Einen Augenblick sei ihm der Gedanke durch den Kopf gefahren, hinauözuspringen und ihr zu folgen; gleich darauf aber, nachdem er kaum drei Schritte gemacht, habe er sich diesen Vorsatz als freventlich vor­geworfen und sich wieder zu der Blume gewandt; die Blume aber, jdie eben noch voll und strahlend geblüht, sei jetzt welk in sich zusammen gesunken gewesen, mit Einem Male wie fort, in ein welkes, vergilbendes Blatt- gekrâufel eingeschrumpft.... unwillkürlich habe er an einen geheimnißvollen Zusammenhang alles dessen denken müssen, und ihm sei gewesen, als sei die Königin der Nacht in der schwarzen Gestalt mit dem lilienweißen Ant­litz scheidend an ihm vorüber und davon gegangen. .

Gertrude hörte diese Mittheilungen an, ohne Mar­tin zu unterbrechen. Dann erzählte auch sie. Sie hatte zweimal in geringer Entfernung ein fremdes Wesen nächt­lich die Pfade deS Gartens entlang vorüberwandeln sehen, DaS erste Mal, vor etwa acht Tagen, als sie spät Abends Reisig geholt, war eS aus dem Düster deS Parks unfern von ihr hervorgekommen und, durch den oberen Theil des Gartens schreitend, nach der Gegend deS alten Baue» hin verschwunden; eS fei, daS hatte Gertrude deutlich gesehen, in dunkler Mânncrtracht gewesen, oder vielmehr wie ein Knabe habe auSgesehen; einen grauen pie-