Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
No. 104. Dienstag den 4. Mai 1852.
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Die Königin der Stacht.
Roman von Levin Schücking.
(Fortsetzung.)
Plötzlich blieb Martin stehen. Wunderbare Töne schlugen wieder an sein Ohr. Er wußte nicht recht, erhoben sie sich erst in diesem Augenblicke, over waren sie schon länger, so wie sie jetzt eS thaten, durch die stille Nachtluft geschwommen, und hatte er sie in seiner Herzensangst nur nicht beachtet — eS waren dieselben Töne, welche durch seinen Traum klangen, wie von den Schwingungen einer riesigen, in der Luft schwebenden Glocke herrührend ; jetzt, daS hörte er wohl, war eS kein Glockengeläute, eS war eine menschliche Stimme, welche zu einem fremdartigen Saiten-Jnstrumente wie auö der Luft herab sang, aber mit unbeschreiblichen Wohllaut, so wie der Gärtner in seinem Leben nicht hatte singen hören. Martin blieb stehen, lauschte, athmete hoch auf, die Töne hatten etwas Lockendes, sie zogen ihn sich nach, es war ihm, als lockten gute Geister darin, die ihn riefen, um [ ihm sein Kind wieder in die Arme zu legen; er folgte ihnen unwillkührlich, und so kam er dem vordersten Schloß- thurme mit dem Glockendach, welcher seinen grabenum. gürteten Fuß bis in den oberen Theil des Gartens geschoben hatte, immer näher; er trat endlich unter daS Dunkel einer kreisförmigen Gruppe von hohen Maulbeerbäumen, in deren Schatten eine MooSbank angelegt war — dunkel war eS unter diesen Bäumen, ganz dunkel, aber ein Strahl des MondcS fiel durch das Laubgewölbe, und gerade da, wo dieses todte bleierne Licht unten auf der Moosbank lag, da schimmerte ein mattes, rothes Glühen, wie ein trüber Docht durch ein mattgeschliffenes Glas, und dunkle Formen eines kleines Körpers waren ba, der aus der Bank auSgestreckt lag — ein blonder Eckiger Kopf und zwei Aermchen, welche im Schlummer
von der Bank niedergesunken waren; und: Gertruds Gertrude! rief Martin halblaut und doch mit einer Macht, als ob er Felsen damit sprengen wolle; und Gertrude kam herbeigeflogen, hielt sich athemloS an seinem Arme aufrecht uud sank dann schluchzend vor ihrem wiederge- fundenen Kinde in die Kniee.
Martin wischte sich den Schweiß von der Stirn; er sprach kein Wort. Auch die Frau trocknete rasch und verstohlen ihre Thränen, nahm daS Kind, das dabei erwachte und schlaftrunken mit den runden Händchen die Augen rieb, auf ihren Arm, schlug die Schürze um seine nackten Beinchen und sagte mit vorwurfsvollem, aber noch immer beklommenem Tone:
Heinrich, Heinrich, wie bist du hierhin gekommen? wie bist du aus der Kammer gekommen?!
Das Kind war zu schläfrig, um zu antworten: eS klammerte sich mit feinen beiden Armen um den Hals der Mutter und ließ den schlummertrunkenen lockigen Kopf auf Gertrudens Schulter sinken.
Martin hatte sich unterdessen gebückt, um den Gegenstand aufzunchmen, welcher ihm vorhin entgegenglühte und der auf den Boden gerollt war, als Gertrude das Kind in die Höhe gehoben. ES war ein schöner großer Stein, in einem schmalen Goldreif gefaßt, der als Spange dienen konnte. Martin zeigte ihn seiner Frau, aber diese warf nur einen flüchtigen Blick darauf, sie eilte zum Hause zurück, weil sie fürchtete, daß daS Kind sich in seinem dünnen Nachtröckchen erkalte. Martin folgte ihr so einsylbig und still wie seine Frau. Hatte Gertrude, die eng und warm ihren Liebling anS Herz gepreßt hielt, keine Worte, ihr Glück auözudrücken? . . . war die Brust Martin'S zu voll, als daß er hätte reden können? Nein, daS war eS nicht, waS ihren Mund verschlossen hielt — sie schämten sich vor einander, so laut gejammert und geschrieen, solch ungezügelter Aufregung und Angst