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s Der Wanderer.

' Belletristisches Beiblatt zur Naffauischen Allgem. Zeitung.

No. 102. Samstag den 1. Mai 1852.

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Die Königin der Nacht *)

Roman von Levin Schücking.

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Erstes Capital.

Der geheimnißvolle Gast.

AuS einem freundlichen kleinen Hause, das sich mit dem Rücken an die Stämme und das üppig wuchernde Unterholz eines dunklen ParkeS lehnte, erscholl eintöniges, eaècadenartigeS Stimmengemurmel. Es wurde drinnen der Abendsegen gebetet und in der That, die frommen Bewohner hatten Ursache, dem Himmel dankbar zu sein; denn der Himmel hatte ihnen ein wohnliches Dach be# scheert, wie ein bescheidenes Menschenherz rS nur wün­schen kann. Grüne Reben und Clematis waren in üppi­ger Fülle an den blanken weißen Wänden heraufgezogen; zur Seite der EingangSthür prangten auf sauberen Latten­gestellen ganze Reihen schöner ausländischer Blumen; hinten hoben Eichen sich wie eine undurchdringliche Schutz- Muer gegen die Stürme, die von draußen, von der -Welt" aus, dieses friedliche Idyll bedrohen konnten; und vorn und zu den Seiten lag ein wohlgepflegter Gar- itn auSgebreitet.

ES war eine poetische Siedelei, wie sie ein liebendes Paar für das höchste feiner Wünsche auSgibt und wie nach der Hochzeit doch noch von keinem bezogen wor- den ist! Aber desto besser für den ehrlichen Burschen, für den sie mithin frei geblieben war, und der sich in diesem Augenblicke damit beschäftigte, seinen Schöpfer zu loben; " hieß Martin, war ein tüchtiger Gärtner, eine kräftige, stämmige Gestalt, und noch nicht dreißig Jahre alt. Die hübsche junge Frau, welche Ihm gegenüber saß in dem '"gen Wohnstübchen und, die Hände in den Schooß ge- ^1' die hellblauen Augen auf den glatten braunen Keitel geheftet hielt, den der Mann, über das Buch

Aus dem Feuilleton der Köln. Ztg.

gebeugt, ihr zukehrte, war sein treues Eheweib Gertrude. Also doch einem liebenden Paare war die Siedelei zuge­fallen ...! Nein, Martin und seine treue Gertrude hät­ten wohl befremdet gelächelt, wenn es Jemandem einge­fallen wäre, sie so zu nennen! Er war eine redliche Haut und seiner braven jungen Frau so treu wie Gold; aber ausLiebe" hatte er sie nicht genommen, und das hatte er ihr auch nie gesagt, und sie, glauben wir, ihm wohl eben so wenig. Er war der Sohn eines Bauers; der Gutsherr hatte ihn als Gehilfen seines Gärtners ange­nommen, und nachdem dieser, wie ein gedorrtes Gewächs, nach achtzigjährigem Perenniren endlich sich selbst zu sei­nem Samen in die Erde gelegt hatte, da war Martin feierlich in dessen Stelle eingesetzt worden. So mußte Venn Martin auch eine Frau heimsübren, die daS Haus­wesen in dem rebenumsponnenen Hüttchen besorgte und zwei hilfreiche Hände hatte, wo die seinen nicht reich­ten. Er suchte sie und glaubte sie gefunden zu haben. Es wohnte eine redliche Wittwe, die zwei Töchter besaß, in seiner Nähe; sie hießen Anne und Getrude, und aus Anna hatte Martin sein Auge geworfen und auch den Brautwerber gefunden, der seine Fürsprache cinlegte. Dann hatte er sich selbst eineS schönen Nachmittags aus, gemacht und war in 'die Hütte der Frau getreten,um seine Pfeife anzuzünven". Die Frau hatte ihm einen Stuhl gesetzt und hatte die Heerdgluth angefacht und ge­schürt, und dann hatten sie zusammen vom Wetter und von der Heuernte gesprochen, kaltblütig, alö ob nicht- in der Welt sie näher angche. Unterdeß hatte die Frau die Pfanne herbeigeholt und sie langsam blank gescheuert und sorgsam überS Feuer gehängt. Jetzt war der Augen> blick gekommen, in welchem Marlin'S Herz zu schlagen anfing. Gespannt sah er auf daS Thun der Frau. Nahm sie Mehl, Milch, Eier zu einem Pfannkuchen, so war ihm nichts übrig geblieben, als die silberne Uhr hervor-