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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. ^

No. 90. Samstag den 17. April 1852.

Der Verstoßene.

Ein -Lebensbild in Novellen form.

Von K. Ernst.

(Fortsetzung.)

Wie damals schaute er auch heute wieder bald in, den Fluß hinab, bald empor in die Blâue des Himmels. Er strich die dichten braunen Haare, welche wirr über feine Stirn herabhingen, aus dem Gesicht, und that einige Schritte vorwärts; dann kehrte er wieder um, und betrachtete die Spuren, welche sein Fuß auf dem Boden zurückließ.

Doch damals war er ein Jüngling, damals konnte sich sein Leben noch entscheiden, er stand dazumal auf der schmalen Grenze, wo sich das Gute vom Bösen trennt, auf der Grenze zwischen dem tiefen Abgrunde des Ver­derbens und der freudig winkenden, aber schwer zu er­klimmenden Höhe eines sittlichen Lebens. Er hat den linken Weg einschlagen müssen, wie soll er jetzt umkehren uud die schwere Wanderung nach oben beginnen?

Es ist noch nicht zu spät"! wiederholte er bei sich FriederikenS Worte, warum soll eS auch zu spat sein? An mir liegtö nicht, denk ich, waS kann ich thun! Mit denen rechtet, die's an mir verbrochen haben, gebt mir Vater und Mutter, wischt mir die Narben von der Peitsche deS Büttels weg; und ich befinde mich so, wie ich bin, recht gut, waS thue ich denn auch viel Un­rechtes?

Er warf sich am Ufer nieder. FriederikenS Bild zog vor seiner Seele vorüber, und der alte Förster stand Warnend vor ihm.Werde ein ehrlicher Mann , noch ist es nicht zu spät! Sie hat gut reden, wovon soll ich denn leben? Verlangt sie, daß ich wie ein Pferd den ganzen Tag mich abquâle um lumpigen Tagelohn? Und

mir hilft doch Alles nichts, im Dorf sind sie alle meine Feinde, mir wird jede Thür sich verschließen, keine Hand sich öffnen. Und gar sie, der Alte wird sich hüten, sie mir zu geben; da müßt ich vorerst keine Lum­pen mehr auf dem Leibe haben, und Stiefel an den Fü­ßen. Sie ist zu vornehm für mein Schicksal und meine Armuth.

Ich soll ein ehrlicher Mann swerden? Unehrlich bin ich noch nicht. WennS 'nur der alte Förster wäre den ich hintergehen muß, wohlan! Ich will mein Ge^ w,ehr in die Ecke stellen, will meine Abgaben zahlen, wo ich kann, und die Grenzen der Gewässer respectiren. Wohlan ! ich willS versuchen, vielleicht vielleicht, und wiederum brachten ihn seine Gedanken in daS FörsterhauS und er sah das Mädchen, wie gestern, an dem Fenster stehen.

Gut! ich Versuchs heute seiS daS Letztemal, daß ich in den Wald gehe; daS eine Thier schieß ich noch, ich bin ihm langst auf der Fährte, ^ann magS genug sein! Aber das eine Stück muß ich noch haben, und wennS mich daS Leben kostet, den einen Hirsch noch, den stärksten im ganzen Forste. DaS sei der letzte Schuß! dann stell ich daS Gewehr bei Seite, aber den einen Schuß muß ich noch thun, den Hirsch muß ich haben.

Er beschäftigte sich den Tag über damit, seinen Na­chen auSzubessern, und sein Fischergerâth in Ordnung zu bringen. Der TewS hatte den neulich erschossenen Hirsch nicht eingebracht und war fort; sicher hat der Schuft die Beute für sich allein behalten! dachte Gotthilf. Auch die Angeberei des Schulzen, die indessen glücklicher Weise noch keinen Erfolg gehabt zu haben schien, lag ihm im Sinn.Ich streiche DirS an, Du Hund"! brummte er vor sich hin.