Von allen Schweizer Bergen war Jahrhunderte lang keiner so berühmt und verschrieen, wie der romantische, prachtvolle PilatuS. Er ist aber wirklich ein merkwürdiger Berg. Gleichsam abgerissen vom übrigen Gebirge steht er wie ein vorgeschobener Posten deS Hochgebirge? da, über dem blauen lieblichen Spiegel deS Vierwald- stâdter SeeS, am Eingang in die Urschweiz, mit seinen zackigen Spitzen und tiefen Klüften, auS denen eine lebhafte Phantasie leicht die Gestalt eines menschlichen Gesichts ersteht.
Wollte doch der Poet Martin Ufteri darin sogar das Bildniß deS unglücklichen Ludwigs XVI. erkennen, *) waS er in einem seiner Gedichte weitlâuftig auSmalt. In älterer Zeit hieß der PilatuS Frakmont (mons fractus), welcher Name noch einer Unterwaldner Alp (Frakmünd) geblieben. Seinen neueren Namen leiten einige von der Sage des PilatuSgrabeS im berüchtigten Wettersee ab, andere von dem Nebelhut, der oft die höchsten Spitzen deS Berges bedeckt, und welcher als ein sicheres Zeichen guten Wetters angenommen wird:
„Hat der Pilatus einen Hut, (pileatus) So steht im Land das Wetter gut".
Eine dritte Erklärung läßt den Berg von dem mittelalterlichen Worte pilare, kahlmachen, seinen Namen entlehnen; (mons pilatus, kahler, von Wald und Gebüsch entblößter Berg). Der Pilatus liegt in der dritten Gebirgskette, welche oom Genfer See zum SântiS sich erstreckt, vielfach von Seen, Flüssen und schönen Zwi« schenthälern unterbrochen. Er besteht auS Alpenkalk mit vielen Ueberresten einer untergegangenen Vorzeit. Seine rauhere, zerklüftete Nordseite gehört größtentheils dem Kanton Luzern zu, feine sanftere südliche, mit weniger steiler Abdachung dem Kanton Unterwalden. Alles was den Berg in früherer Zeit so berühmt gemacht, findet sich auf der Luzerner Seite.
Von dem lieblichen, fruchtbaren Eigenlhal, wo nach der Sage einst ein Schloß und Dorf gestanden haben soll, führt der Weg sanft bergan bis zum Rothstock, dann über den Rümlig, eine steile Bergwand, durch den Wald hinan zur Bründler Alp. Sie ist mit FelStrüm- mern übersäet, die von Zeit zu Zeit von den steilen Wänden deS PilatuS herabstürzen. An der beinahe senkrechten Felswand, die bis an das Widderfeld hinausreicht, öffnet sich ungefähr dreihundert Fuß unter der Höhe eine weite Höhlung, an deren Mündung ein etwa acht Fuß hoher Stein sich an einen anderen hinneigt und einer Menschengestalt verglichen werden kann, die stch an einen Tisch lehnt. Der weiße Kalkstein leuchtet wie eine Bildsäule in die Ferne und daS Volk nennt ihn den heiligen Dominik, die Höhle daS Dominiloch. (Forts, f.)
*) Ein Gleiches gilt vom Traunstein.
Der Student in Berlin.
AuS dem Feuilleton der „Constitutionellen Zeitung".
(Schluß.)
Ganz in der Nähe der Linden, in der Mittelstraße und Dorotheenstraße, beide Parallelen der großen Hauptstraße, wohnt das eigentliche Studententhum beisammen. Man kann diese Gegend daS quartier latin von Berlin nennen. Einst blühte dort der Berliner Saal, bis der akademische Senat bei Strafe der Relegation den Besuch desselben verbot, aber noch heute blüht eine Pfandleihe im eigentlichen Mittelpunkte der Mittelstraße. Wohnen in der Dorotheenstraße meistens noch eine Menge anderer Leute, so hat der Student auS der Mittelstraße so ziemlich AlleS vertrieben, waS nicht unmittelbar zu den Musen gehört.
Aeltliche schmutzige Häuser mit ausgetretenen Treppen und alterthümlichen Mansardendächern auS der Bau- Periode Friedrichs deS Großen geben der Straße eine unordentliche Physiognomie; allerlei nicht zu reinliche Gewerbe haben sich in den Höfen und Kellern eingenistet und verderben die Aimofpâre. In der Mittelstraße allein hängt noch der Student, bekleidet mit einem zerrissenen Schlafrock und buntem Käppchen, die lange Pfeife zum Fenster hinaus; ist der Wächter in den Stunden nach Mitternacht nicht sicher von bösartigem Wurfgeschütz getroffen zu werden; geht der Wanderer deS NachtS nie an den Häuserseiten, sondern mitten auf der Straße!
Nur ungern sehen eS die Zimmervermiethcr, wenn der Student sich Morgens auf einer Blechmaschine den Kaffee selber kocht, oder Victualien durch seinen Stiefelputzer besorgen läßt. Alle Lebensmittel, Getränke und FeuerungSbedürfnisse sollen durch die Hände der Ver- miether gehen. DaS Pfund Kaffee und Zucker hat hier wie in der Apoiheke nur 24 Loth, daS Quart Oel und Spir'tuS geht in eine Dreiviertelflasche, daS Zweigroschenbrod kostet 3 Sgr. und von den Brennholzscheiten wird soviel abgespallen als möglich, damit Holzsplitter nicht die Eleganz der Wohnung entstellen. Diese Eleganz be, steht in einem Sopha, dessen Fußende durch die Ablagrung von vielen akademischen Stiefeln ein gräuliches Kolorit angenommen hat, einem Schreibsekretär mit wackliger Klappe und ausgedrehtem Schloß, einem Kleiderspinde und großen wachstuchüberzogenen Tische vor dem Sopha. Letzterer Tisch trägt verschiedene versengte Stellen von übergegossenem BrennspirituS, heißem Siegellack und brennend meggeworfenen Schwefelhölzern. Außer den Stühlen und einem etwas trüben Spiegel findet man noch die Büsten Göthe's und Schillers in schlechten GypSabgüffen â sieben und einen halben Silb-rgroschen. Das Gedankenvolle Ansehen dieser schönen Dichterköpfe