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Der Wanderer.

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Belletristisches Beiblatt zur Naffauischen Allgem. Zeitrmg.

No. 81. Sonntag den 4. April 1852.

Der Verstoßene.

Ein Lebensbild in Novellenform.

Von K. Ernst.

(Fortsetzung.)

Auf dem Verdeck des Schiffes stand ein Greis, nach dem Ufer hinüberblickend. Ein grüner Mantel umhüllte seine hohe aber verfallene Gestalt, welche auf frühere bessere Tage schließen ließ, und seine grauen Haare flah teilen im Winde. Sein Auge war matt, seine Wange bleich und eingefallen, und die Hand, mit der er sich an den Schiffsbord festklammerte, zitterte heftig.' Indem er sich mit der Linken aus ein prächtiges Jagdgewehr stützte, rief er Gotthilf, der an ihn herantrat, entgegen:Den Schiffsjungen rette, wenn Du kannst, mein Leben ist der Mühe nicht werth , ich bin krank und herunter, und mir sitzt der Tod schon in den Gliedern".

'S ist auch mit der Rettung für Euch nichts", mur­melte Gotthilf,mein Boot ist umgeschlagen".

Gerechter Gott"! jammerte der.SchiffSjunge, der in einer Ecke hingekauert vor Furcht bebte.Gerechter Gott! so muß ich ertrinken! O meine Mutter! Mein Vater! Ihr ahnt eS nicht, daß ich hier so früh mein Grab finde".

Gerechter Gott"! murrte Gotthilf verächtlich,der hilft Dir nichts, Junge! Du mußt Dir selbst helfen, und nun nicht geflennt, sondern aufgestanden, und mach Dich fertig! Mit de m hier istS freilich nicht«", Gotthilf betrachtete den Alten, der bebend vor Frost und vor den Schauern deS nahen Todes dastand. Da blitzte ihm das Gewehr in die Augen:Ein schön's Gewehr"! i sagte er,zeigt her! DaS Gewehr wird Dir so wenig | helfen, alS mir", versetzte der Greis, indem er sich am Borde sesthielt, um von der schwankenden Bewegung des! auf eine Sandbank gerathenen Schiffes nicht umgerissen

zu werden;doch nimm-! Du mußt mir aber einen Dienst dafür »Hun, wenn Du lebendig an das Ufer kommen solltest".

Welchen"?

Am Ufer, dort in der Gegend irgendwo, wohnt ein Fischer, mit Namen Gotthilf Brandt, den suche auf er soll ein nichtsnutziger verworfener Mensch sein aber er ist mein Sohn"!

Gotthilf fuhr in die Höhe.

Sag ihm nur", nahm der Alte wieder da« Wort, daß ihn sein Vater grüßen lasse. Siehst Du , ich bin einmal ein angesehener reicher Mann gewesen, und nun treibe ich mich als ein Bettler in der Welt umher".

Gotthilf sah den Alten kalt und scharf an.

Ich habe Gewissensbisse", sag ich Dir,einem Hunde mag besser zu Muthe sein, als mir und der Bursche quält mich zu guterictzt auch noch. Ich wollte ihn aufsuchen und ihm zureden, daß er ein ordentlicher Mensch werde das ist mir durch den verfluchten Sturm nun abgeschnitten"!

Gotthilf hatte hastig daS Gewehr ergriffen, welches der Alte ihm hingereicht, mit flammenden Blicken beschaute er nun; ein prächtige« Gewehr! Da krachte daS Schiff, wie von einem Donnerschlag gewaltig getroffen, eS zitterte wie ein letzter Lebenskrampf durch den Rumpf, die Seitenwände fingen an zu weichen, schon drang daS Wasser in den Raum es war geborsten und fing an zu sinken.

Goit im Himmel"! tönte ein Schrei deö sAlten, der über den Bord stürzte die Wogen schlugen über ihm zusammen. Aber der Fischer, den Knaben umfassend und in der Linken daS Gewehr, kletterte auf den Hintern Theil des zerschellenden Rumpfes, und klammerte sich dort fest. Entsetzliche Lage zwischen Leben und Tod! Nach einer qualvollen halben Stunde ward er in die Fluth geschleu«