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Der Wanderer.

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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

No. 78. Donnerstag den 1. April 1852.

Der Verstoßene.

Ein Lebensbild in Nove llen form.

Don K. Ernst.

fF o r t s e tz u n g.)

Gotthilf vertheidigte sich heftig und trotzig, weil er sich deS Verbrechens, dessen man ihn bezüchtigte, nicht schuldig fühlte. Die ungewohnte Haft hatte sein Wesen äußerst reizbar gemacht, und eS läßt sich auch zugeben, daß die Ausdrücke, in denen er seine Verantwortung führte, zuweilen verletzend und roh waren; ja! seine Vertheidigung schlug oft geradezu in eine Anklage derer um, welche ihm Unrecht zufügten. Dies brachte den Richter in Zorn, denn er erkannte die Sprache der Unschuld nicht, er achtete für freche Unverschämtheit, waS nur reine Wahrheit enthielt, und allein darauf bedacht, den dreisten Burschen zum Ge. stândniffe zu bringen, und dessen Schuld auSzumitteln, ereiferte er sich über das unehrerbietige Benehmen dieses Verworfenen mehr und mehr. Daß Gotthilf unschuldig sein könne, daran dachte er freilich nicht im Entferntesten und ein heftigteS Wort des Angeklagten gab die will­kommene Veranlaffung, ihm eine Anzahl Hiebe zutheilen zu lassen.

Ha! von dem Geschrei des Unglücklichen, welches die dunklen Räume des Arresthauses herzzerschneidend durch­dringt, wird eS unruhig in den Zellen der Sträflinge. Ein Gemurre, ein leises Fluchen läßt sich vernehmen, in Wuth und Grimm rütteln die Gefangenen an der eiser­nen Thüre, welche die Welt von ihnen scheidet, oder kauern nieder an den Boden, von Angst gebändigt.

DaS Geschrei hört auf, nur in leisem Wimmern zitterte die Brust nach; der Erecutor bindet den Gemiß­handelten von der Maschine loS, an die er gefesselt ward, damit er den Schlägen nicht Widerstand leisten könne. Tief haben die Riemen, die ihm jede Möglichkeit der Be­

wegung raubten, in seinen Hals und in feine Schenkel eingeschnitten, und sein Rücken ist mit Blut unterlaufen?

DaS ist für das Raisonniren"! sagte der Gefangen­wärter, und stieß ihn in daS Gefängniß zurück. Er ver­mochte sich kaum zu rühren, mühsam legte er die ihm ab­genommenen Lumpenkleider wieder an, er war körperlich und geistig völlig ^ebrvchen. Diese Schlüge zerschmetter­ten sein sittliches Gefühl, den letzten Rest von Achtung vor dem Nebenmenschcn in seiner Brust; tief entwürdigt, entehrt, beschimpft muß und wird er sich für diese Be­leidigungen rächen.

Nach einem Vierteljahre erging daS Urtheil. Dez: Angeschuldigte ward wegen thätlicher Widersetzlichkeit ^ge­gen den AmtSdiener ordentlich, und wegen gewaltsamen Diebstahls außerordentlich zu einer achtmonatlichen Zucht­hausstrafe und in die Kosten der Untersuchung verurtheilt. Ja ! auch in die Kosten der Untersuchung verurtheilt. Mit Einziehung derselben hat eS nun wohl gute Wege, da­gegen ist ^daS Thor deS Zuchthauses geöffnet. Der als erwiesen angenommene Besitz des gestohlenen Gutes, die Aussage deS mit Gotthilf in einer Zelle eingeschossene# Greises, und der Umstand, daß Gotthilf ein Mensch war, zu dem man sich der That versehen konnte, rechtfertigten die Verhängung der Strafe. Hatte denn Gotthilf dem Mitgefangenen, dessen Aussage ihn belastete, sein Ver­brechen eingestanden? Ach nein! der alte Schurke hatte nur seine letzten LebenStage mit einer Lüge noch befleckt er erwartete eine Milderung seiner wohlverdienten Strafe von dieser ruchlosen Angabe.

Gotthilf trat schon in sein zwanzigstes Jahr, als er daS Zuchthaus, diese Schule des Verbrechens, verließ. Verwildert und mit zerrissenen Kleidern traf er in feinem früheren Wohnorte, wohin er von der Polizeibehörde ge­wiesen war, ein. Keiner grüßte ihn, alles ging ihm scheu aus dem Wege. Es hätte ihn auch nichts auf der