Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
No. 52. Dienstag den 2. März 1852.
Die Dohlenkönigin.
(Fortsetzung.)
Die Dohlen hockten krächzend in der Höhe auf den weitauSgestreckten Zweigen oder schwirrten unruhig um die Wipfel. Stoffer meinte nachher, nicht ein einziges paar Augen von den vielen hätte ihn oder die Grete verlassen.
„So"! sagte er mit gerunzelter Stirn, da er heran war, „also noch immer die alten Alfanzereien im Kopf! Dazu hast du Zeit und weißt doch, wie die Arbeit pres- firt und die Mutter sich schier zu Tode quält". Sie rutschte langsam von ihrem Sitz herab. „Ich weiß genau, waS zu thun ist, und weiß, daß ich jetzt gerade feiern konnte, wie auch du und die Leute", versetzte sie gleichgültig. „Brauchst nicht zu fürchten, daß es zu lang würde. Ich wäre schon von selbst gekommen, ohne daß du mir die armen Creaiuren verscheuchtest". — „Ich sollt' ihnen nur ankönnen"! rief er, und drohte zu den Thieren hinauf, die ihm mit Geschrei antworteten. „DaS eklige Zeug sollte bald ein Ende nehmen, daS unS daS Obst stiehlt und zu nichts nutz ist, als Lärm und Um reinlichkeit zu schaffen. DaS ist wie mit dir, o du stolze Königin, die du auch nur ein Nichtsnutz bist". Sie klopfte sich gleichmüthig den vom Sitz staubigen Rock ab. „Schon gut", sprach sie. „Jnkommodire dich nicht und ärgere dich nicht, Stoffer. Es hilft dir nichts. Ich hör' doch nicht nach dir. Gottlob hast nicht du über mich zu kommandiren". — „Ja, leider Gott'S"! entgegnete er. „Sonst wâr'S auch anders. Dann würde dir wenigstens der Kopf nicht ganz verdreht und du solltest dein Brod verdienen, wie sich's schickt, wenn ich dich überall auf dem Hofe ließe, du Findling"!
Ein Wort macht oft vieles schlimm in der Welt, und noch mehr und leichter im Herzen des Menschen.
Die Grete fuhr auf, wie von einer Schlange gestochen. Sie schien noch größer zu werden als sonst; sie warf den kleinen Kops in den Nacken, über daS gebräunte Gesichtchen zuckte eine jâhe, heiße Nöthe und aus den Augen brach auf den erschrockenen Stoffer ein wilder, stolzer Blick. Er meinte nachher, der Stern des AugeS fei schwärzer geworden und der Strahl selbst, der auf ihn gefallen, sei wirklich dunkler gewesen in diesem Augenblick.
„Du", sagte sie und trat ihm näher und dicht vor ihn hin. „Du"! Findling? ich? WaS heißt daS? DaS will ich wissen! Hörst du? Zucke nicht und lüge nicht! Heraus mit dem Wort"! — Nun, mein Herr und JesuS" I versetzte er, — ihm war ganz bang zu Muth vor dieser plötzlichen Veränderung deS lustigen Mädchens — „ waS wird's denn weiter sein als die Wahrheit? Der Vater hat dich vor Zeiten im Tann gefunden und mit nach HauS gebracht, behalten und aufgezogen".
„DaS ist so? Du lügst nicht"? fragte sie, ohne ihre Stellung, ohne den scharfen, stolzen Ton zu ändern. „Geh doch hin und frage", meinte er und wandte sich von ihr ab. ES ward ihm immer wunderlicher und unheimlicher in ihrer Nähe. Sie sah ihn noch einmal durchdringend an, ging dann in den engen Steig, ohne die großen starren Augen zu senken, wickelte Hände und Arme mechanisch in die Schürze und schritt dem Hause zu. Stoffer schaute ihr lange nach. Als sie auS dem Steige in einen andern trat und ihm entschwand, schüttelte er den Kopf, schlug sich mit der Faust vor die Stirn und murmelte vor sich hin: „Na prost — daS ist eine Geschichte"! Dann sprang er über den Zaun und lief überS Feld, wo er gerade den Pferdejungen mit einem Gespann den gewöhnlichen Weg entlang kommen sah.
Grete indessen ging zur Mutter, die im Hause be-