Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem.
No. 34. Dienstag den 10. Februar 1852.
Alte Geschichten.
(Fortsetzung.)
Man brauchte nur noch zehn Jahre ebenso fortzu- fahren und der Wald wäre eine Wildniß, daS HauS eine Ruine gewesen. Es schien fast unermeßlich, was ich vor mir fand, und ich wollte zu einer sehr bestimmten, und zwar gar nicht fernen Zeit mit den Hauptpunkten in Ordnung sein. Zum Säumen und Träumen war ta keine Zeil und ich ließ sie mir auch nicht. Wer Geld hat findet Arbeiter; wer einigermaßen Einsicht in daS zu Beschaffende, wer den Willen hat, vorwärts zu fom* men, der wird sie richtig anstellen, beaufsichtigen und antreiben. DaS alles geschah. Ich schloß Conlracte ab und nahm Arbeiter an; eS regte sich um mich wie ein Ameisenhaufen und alles ging mit stetigen Schritten lebhaft vorwärts. Glück hatte ich auch. Im März war eS bereits schönes und warmes Wetter, ich konnte gleich anfangen zu bauen und den Acker zu bestellen.
Und dann mein Zweck, den ich immer vor Augen, ich kann wohl sagen im Herzen hatte! Für sie that ich alles, an sie dachte ich stets. Dieses Zimmer soll hierzu benutzt werden, jenes dazu. Hier wollen wir effen, hier ruhen, diese Räume sind dem gesellschaftlichen Verkehr gewidmet. Hier werde ich wohnen, da sühn die kleine Wendeltreppe zu ihren Zimmern hinaus. Da schlüpft man denn hinauf, herab, um den andern lustig zu überraschen, ihm von den Geschäften, auS der Arbeit ein Plauderstündchen zu stehlen. Wo werde ich sie finden? Hier im Vorzimmer oder im kleinen Salon daneben? Dies wird wohl ihr Wohnzimmer sein, daran stößt ein Blumenzimmer, dann die Schlafstube, dort ein Ankleidezimmer, darauf ein Badecabinet, und was weiß ich noch alles! Wie bekleiden wir die Wände und überziehen die Mobilien? Ihre Leibfarben sind Weiß und Grün und
ihre Lieblingsblumen sind die Maiblumen und Schneeglöckchen. O wie hübsch läßt sich das hier und dort zur Verzierung anbringen, hier in Stuck, dort in Metall, da in Holz! O wenn ich sie nun hier hineinführen werde, wenn sie dann sich um, mich ansieht mit ihrem leuchtenden frohen Blick, wenn sie mir lächelnd die Hand gibt, ihren lieben Kopf an meine Brust legt und nichts sagt als »Hubert"! wie damals! — Bah, mein Kind! ich war einmal in'S Träumen hinein gerathen und konnte noch gar nicht davon loskommen. Und wie war ich glückselig! Ich war den ganzen Tag in Alarm und AbendS dachte ich: wenn'S nur erst Morgen wäre, daß du weiter arbeiten könntest! Und am Morgen sprang ich singend aus dem Bett, in die Kleider, wie ein Narr oder ein Kind. Jetzt hatte ich weder Ruh noch Rast, ich war unermüdlich, heiter und gesund. So geht eS dem Menschen, wenn er die goldene Sonne im Herzen hat. Und draußen war eS gerade so. Ich meine nie wieder solch ein prachtvolles Jahr erlebt zu haben.
Ich reiste während dieser Zeit viel umher. Ich hatte so viel zu schaffen und zu besorgen. Bald kaufte ich Vieh, bald Pferde, hier bestellte ich alle möglichen Ge- râthe und Geschirre, dort handelte ich mir alte Mobilien ein. Denn die damals auftauchenden glatten und nüchternen Formen gefielen mir nicht und paßten auch nicht zu meinem allen schönen Hause. Dann war ich auch wieder wochenlang zu HauS und trieb und befahl, sorgte und ordnete. Hin und wieder, aber selten, kam ich nach Warthien und sah Emilien und war ausgelassen und glücklich, voll Vertrauen und Hoffnung.
Zum Herbst wollte ich fertig sein, bann reden, darauf heiraihen, endlich sie heimführen in unser kleines Reich. Wie ein Kind auf den Weihnachtsbaum freute ich mich und sagte keinem Menschen von meinem Treiben und verbat jeden Besuch. Einmal fragte Emilie mich.