Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
No. 31. Freitag den 6. Februar 1862.
Alte Geschichten.
(F o r t s e tz u n g.)
„Sehr, sehr wohl, verehrte Cousine", sprach ich also ganz heiter; „Sie haben sich gut erklärt. Und nun kommen Sie hervor aus Ihrer Burg, schöne Prinzessin, damit ich Ihnen guten Tag sagen kann. Grüß Sie Gott, meine Cousine". Sie sprang lachend heraus, sie gab mir lachend die Hand, die ich küßte. „Willkommen zu Laischach"! sagte sie. „Aber nun möchte ich auch wissen, was Sie gerade hierher sührl" ? Sie hatte sich auf die Seitenlehne eines der nächsten Kirchstühle gesetzt, ich nahm wieder meinen alten Platz ein und sprach: „Ich wollte mich auöruhen von der Hitze draußen und auch diesen alten lieben Ort wieder sehen. Ich bin gern in Kirchen, so einsam, am stillen, heißen Morgen; ich weiß eS nicht zu sagen, wie wundersam, wie tief und ruhig eS mich da durchdringt". — „Ach", meinte sie, „Sie sind falsch, Cousin, Sie trauen eigentlich nur dem Pastor nicht recht und wollen sich also lieber selbst predigen Aber wissen Eie, daß Sie ein recht hochmüthiger Mensch sind, Cousin, und ein halber Heide" ?
„Ja", entgegnete ich, „wenn Sonntagskirchengehen allein christlich ist, da bin ich allerdings heidnisch; ich komme nicht oft dazu und liebe es auch nicht, gerade wie alle Warthien".
„DaS ist doch recht schlimm", meinte sie und wiegte nachdenklich den schönen Kopf.
Denn seht, Franz, unterbrach Hubert seine Erzäh- lung, sie ist immer wahrhast fromm gewesen, selbst in der damaligen glaubenslosen, indifferenten Zeit, und daS kleidete sie so gut, wie jede Frau, und war ein ächter Reiz mehr. Frömmigkeit!' die ist für die Innigkeit der Frauennatur und deS FrauenmesenS so ganz natürlich, so unentbehrlich. Sie gehört dazu.
Ich will Euch mit unsern Gesprächen nicht langweilen, obgleich ich Sie noch alle beinahe bis auf die einzelnen Worte im Kopfe habe. Wir plauderten noch lange über dieß und das, über Ernstes und Scherzhaftes- über unsere früheren Besuche an diesem Ort, über die damalige Zeit, über die vergangenen Festtage und unsern Verkehr, über die Zeit meiner Reise, sie ganz frei und heiter, ich immer befangener. Ich suchte mich zusammen zu nehmen, eS gelang mir so ziemlich; doch das Sitzen konnte ich nicht länger aushalten. Ich war aufgestanden und ging auf den glatten Steinen erregt auf und ab. Da sagte Emilie r „Wenn Sie übrigens in der letzten Zeit so viel bei uns gewesen sind, so muß daS wohl in einer Nebelkappe geschehen sein. Man hat Sie lange nicht bei unS gesehen und die Eltern haben schon hin und her gerathen, wie daS kommen möchte" ? Ich lehnte diesen Vorwurf so gut ab wie ich konnte. Da sei nichts zu rathen ; eS sei sehr einfach ; so oft dürfe ich doch nicht kommen, wie ich selbst eS wünsche. „So haben Sie früher nicht gedacht", meinte sie unbefangen. „Da machten Sie keine Rücksichten, wo keine waren; da kamen Sie lustig zu den Nachbarn und Verwandten. Allein die Reise hat Sie verwöhnt", setzte sie lachend hinzu, „und wir hier zu Lande genügen Ihnen nicht mehr".
„Glauben Sie das auch"? fragte ich noch ganz lustig, „und daß mir weitgereistem Mann also die purè Langeweile daheim mehr genüge"? — „Wer weiß" l versetzte sie, neckisch zu mir aufschauend und die Achseln zuckend. „Man träumt da vielleicht so hübsch von der Ferne, wo man dieß und daS gefunden hat, an das man sich gern erinnert". — „Aber das ist gar nicht wahr, Emilie"! rief ich auS. „DaS glauben Sie nicht! Deßwegen nicht hinüber zu kommen! Oh! Aber Sie'wissen doch, daß Sie nie daheim waren, Sie, Emilie"!
Da war das Wort nun doch gesprochen. Ich er-