Einzelbild herunterladen
 

Der 28anderer.

BellttrtstijchkS Beiblatt zur Naffauifcheu WZKtE

No. 30. Donnerstag den 5. Februar 1852.

Alte Geschichten.

(Fortsetzung.)

Die Straße führt gerade auf den Hof ; daS Dorf kommt erst hinter drein zu ihren Seiten. Bevor Ihr aber zum Hofe gelangt, trefft Ihr links die Kirche mit dem Friedhof, die jetzt ganz einsam in der Gegend und immerhin eine ziemliche Strecke von allen Gebäuden ent> fernt liegt. Die Häuser, die sie in alten Zeiten umga­ben, haben sich nach und nach zu den andern gesellt, da sie nichts in der Nähe fesselte; denn ein Prediger ist nicht in Laischach, sondern wohnt etwa eine Meile entfernt, von wo er denn Sonntags entweder zur Bor- oder Nach- mittagöpredigl herüber kommt. DaS heilige Gebäude ist nicht unbedeutend und so alt, daß man seine Entstehung auf die Geriuanisirung dieser Gegenden zurück datier. Die ziemlich ausgeprägte Architeciur jedoch , wie auch der Name der Familie und deS GulS, der entschieden aus an­dern Gegenden Deutschlands stammt, sprechen vom Ende des vierzehnten Jahrhunderts.

Früher, in meiner Jugendzeit, pflegten die Thüren nur selten verschlossen zu sein, und wir Kinder hatten damals manche Stunde unter dem hohen, kühlen Gewölbe zugebracht, die Bilder und Wappen besehen, die Fahnen und alten Waffen bewundert, daS Erbbcgrâbniß der Fa­milie, die geschnitzten, buntbemalten und vergoldeten Schnörkel um Altar und Beichtstuhl , um daS Chor der Familie und die kleine Orgel höchlich angestaunt. Ihr werdet auch die Bemerkung gemacht haben, daß sich der Schmuck der katholischen Zeiten in unsern kleinen Land- kirchen noch vielfach einigermaßen erhalten hat.

Seit beinahe zehn Jahren war ich nicht mehr darin gewesen. Ich weiß nicht, wie mir plötzlich der Gedanke kam abjusteigen und, wenn die Thür geöffnet wäre, in der Kühle auSzuruhen. Wie gedacht, so gethan. Ich

hing die Zügel an einen Hacken neben der Pforte in der Mauer, schritt über die klappernden Eisenstäbe deS RostcS, der den Kirchhof vor dem Hineinlaufen der Thiere schützen soll, ging zwischen den Gräbern hin, begrüßte den alten Weihkessel in der Thürwölbung und stieß die angelehnte Thür auf.

Es war nichts verändert und wunderbar kühl, still und heimlich. Die kleinen blinden Fenster ließen nicht viel Helle herein, von der Südseite fielen durch die dort stehenden Bäume nur schmale zitternde Sonnenstrahlen mit einem eigenthümlich gefärbten magischen Licht; war hier drinnen fast noch stiller als draußen in der mit­täglichen Ruhe; nur ein kleiner Bogel, der Gott weiß wie hereingelangt, schwirrte oben hin und wieder durch daS Gewölbe, setzte sich hier und dort auf einen der Bor- sprünge deS alten braunen Mauerwerks. und zwitscherte lustig. Ich ließ mich auf die Stufen des Altars nieder« fließen und sah und träumte. Ein stiller Friede, eine tiefe Ruhe überkam mich.

Da hörte ich eS neben mir lachen, und wie ich er­schreckt aufschaule, neigte sich über die hohe Brüstung deS Beichtstuhls EmilienS Gestalt und Gesicht mir rosig, schelmisch und grüßend entgegen. Wie ich auffuhr!

Wie in aller Welt kommen Sie hierher?" fragte ich athemloS. Sie lächelte.Nun," versetzte sie,hier stände die Frage mit wohl eher zu als Ihnen, Cousin. Allein wir Frauen sind nachgiebige Wesen. ES ist der TabcSlag meines Großvaters und die Mutter schickte mich her mit Blumen für seinen Sarg. Sie bringt sie sonst immer selbst, dießmal ist sie jedoch ein wenig un­wohl. DaS Mädchen Halt' ich schon gehen lassen; mir war etwas graulich vor der Hitze draußen, ich wollte mich noch auSruhen, hier wo ich gern bin. Als ich's an der Thür sich bewegen hörte, flüchtete ich hierher. Es konnte ja Gott weiß wer fein. Daß mein wilder Cousin fromm