Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
No. 27. Sonntag den 1. Februar 1852.
Alte Geschichten.
(Fortsetzung.)
TIL
„Man ließ mich ungestört meinen Weg gehen; mit Neckereien und Quälereien, blieb ich verschont, mein Wesen und Benehmen gab keine Veranlassung dazu. Daher fühlie ich mich in dieser Beziehung auch ganz ungenirt und behaglich. Aber um so natürlicher war eS auch, daß ich selbst viel weniger auf mich achtete und mich ganz unbewußt einer immer tieferen Träumerei überließ, die mein Leben und Denken, mein Wollen, meine Kraft und Klarheit viel üppiger und gefährlicher umspann, als ich eS für möglich hielt und bemerkte. Auch jetzt noch hörte ich jenen Ruf hin und wider durch mich hinklingen: „Eine böse, böse Geschichte" l
Doch er kam mir so selten und war dann so sehr leise, daß ich ihn oft unbeachtet vorübergehen ließ. So entschwanden die Stunden. Die nächstfolgenden Wochen waren reich an ländlichen Arbeiten und Geschäften, die Leute hatten daheim zu thun , die Nachbarn sahen sich nicht so ost und manche Tage lang erfuhr ich nicht daS Geringste von Emilien. DaS war um so empfindlicher, je lebhafter und häufiger unser Verkehr noch vor Kurzem gewesen. Ein und daS andere Mal fand ich auch bei einem flüchtigen Besuche sie gerade nicht daheim, bald war sie in die Stadt, bald zu einer Freundin oder irgendwo anders hin.
DaS geschah nicht umsonst und zufällig; denn wie ich nachher einmal erfuhr, hatte Laischach aus meiner Mutter Bericht gemeint: „Warthien hat ganz richtig geurtheilt. Zureden hilft da nichtS; Emilie ist gerade so. ES sind ein paar querköpfige Leute. Aber ein Paar werden die beiden, und zwar gegen unsern Willen lieber *lS mit demselben. ES ist schade, Frau Nachbarin, daß
Sie Hubert von der Sache gesagt. Doch wollen wir sie jetzt ganz in Ruhe lassen, und wenn unS die nächste Zeit wieder mehr auSeinanderführt, werde ich diese Trennung noch ein bischen mehr erweitern. Dann werden wir bald klar sehen. Zu meinem Schwiegersohn hätte ich ihn gar zu gern. Ich habe mich richtig in ihn verliebt."
Davon wußte ich natürlich nichtS; ich dachte auch gar nicht an solche Machinationen, und wenn ich Emilien einmal verfehlte, war ich nur über mein Malheur verdrossen, brach bald auf und kehrte ärgerlich und verstimmt nach Haufe zurück. DaS mußte nun doch bemerkt werden, und es schien dennoch nicht so. ES war, alS ob ich gar nicht da sei für die andern. So fiel es mir denn natürlich erst nachher auf, alS ich über meine Umgebung, über mich selbst nach und nach wieder zum Denken gekommen war. Damals aber sah ich nichts. Ich halte auf GotteS Welt nichts zu thun; ich träumte.
Eines Tags ging ich auch so kopfhängerisch und irgend eine alte Melodie pfeifend im schmuck beschnittenen Buchengang des GartenS auf und ab. Mein Bruder kam seelenvergnügt, bestaubt und erhitzt von der Besichtigung seines KornS zurück; er blieb vor mir stehen, lehnte sich auf seinen Eichenstock und sah mich kopfschüttelnd an. Beiläufig gesagt, war er ein ganz charmanter Kerl und hatte nur den einen Fehler, daß er für sein Leben gern Wortspiele zu machen suchte. „Hm!" sagtr er endlich, da ich ihn erwartungsvoll ansah, mit einem pfitfigen Lächeln : „Hm, Hubert, du bist ein rechter Vagabund geworden. Bist eben erst nach Haus gekommen, nachdem du so lange weg gewesen. Und nun? wo bist du? Weg, Bruder, rein weg!" Ich fuhr zusammen, Franz, und daS Blut schoß mir in'S Gestüt; sprechen konnt' ich nicht. Ich erinnere mich, daß ich zu lachen versuchte, aber daS ging auch nicht, denn ich sah eben mein