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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allstem. Zeitung.

No. 23. Mittwoch den 28. Januar 1852.

Alte Geschichten.

(Fortsetzung.)

Die Erinnerung blaßte inzwischen nach und nach ab, die seltenen Briefe gedachten ihrer vielleicht kaum. Ich war jung, ich war wild, sehr wild. Wild wie ein Warthien! Das ist ein Sprichwort dort zu Lande und auf mich paßte eS, als fei eS für mich erpreß gemacht. Ich sah zum erstenmal ziemlich frei in ein von dem Häuslichen Himmelweit verschiedenes Leben; da fand ich genug anderes zu thun, lernte genug andere Leute kennen; meine Gedanken zogen seltener und immer seltener nach daheim. Von Göttingen ging ich nach Jena ; da war daS Treiben nun erst recht ausgelassen. So brachte ich drei Jahre zu. Als ich nun mit Sehnsucht in die Ferne sah ich wäre so gerne gereist und konnte eS doch nicht mit meinen Mitteln und mit schwerem Herzen an die Rück­kehr in'S väierliche HauS dachte, machte ich einen ganz bedeutenden Gewinn in der Braunschweiger Lotterie, die damals florirte. Da war ich glückselig; ich wilder Bursche fragte nicht erst viel um Erlaubniß, sondern reiste ab, durch Deutschland und die Schweiz in daS damals durch Göthe beliebt werdende Italien, von dort zur See nach Spanien und Portugal, von Lissabon nach England. Darauf, nach fünfjähriger Abwesenheit, ging ich nach Hamburg und suchte meinen Weg in die Heimath zurück.

Die Alten, mein Bruder Emil, der allein zu Hause war, seine junge, mir aber von früher noch wohlbekannte Frau wollten mich kaum als ihren Hubert wiederum an­erkennen. Freilich, als ein junges und leichtes, windiges Blut war ich davon gelaufen, ziemlich als Mann kam ich zurück. Ich war wohl noch wild, aber es war eine gerade, nicht kindische Wildheit, sondern schlimmer oder besser, je nachdem Jhr'S betrachtet. Weichlich war ich gar nicht, kein Idealist, kein Phantast. Was ich wollte,

wußte ich; was ich mir in den Kopf gesetzt, that ich. In Wort und Handeln war ich meist schnell und dann fest entschieden.

Aus mich selbst hielt ich nicht wenig und glaubte Wunder, waS ich für ein Kerl wäre. So wird man, wenn man sich tollköpfig und unerfahren in die bunte Welt stürzt und sich frech durchschlägt, wenn uns, gegen alle vernünftig« Erwartung und Berechnung, doch Alles nach Wunsch und Willen unseres übermüthigen jungen Kopfes geht. Mir war eS so ergangen und ich muß noch Gott danken, daß es keine schlimmeren Folgen ge­habt hatte. Denn wie ich auch war, daS Zeugniß kann ich mir jetzt ruhig geben: schlecht war ich nicht geworden. Aber in den gewöhnlichen Fehler einer stolzen, verzogenen, raschen Jugend war ich verfallen. Ich glaubte, ich sei bereits fertig, und Welt, Leben und Zeit könnten mich in meinem Wesen und in meiner Kraft nie mehr um ein Haar breit verändern. Ich armer Thor.

Geschrieben hatte ich vor meiner Ankunft nicht, und ich kam daher ins HauS wie geschneit. Die Hausge­nossen traf ich allein, und daS war mir lieb, da ich zu­erst ruhig mit ihnen fein wollte und alle Fäden, die sich in fünf Jahren Abwesenheit zu lösen pflegen, herzlich wieder anzuknüpfen wünschte. Das geschah. Darauf redete an einem der nächsten Tage die Mutter, die mit mir allein im Frühstückzimmer geblieben war, zum ersten Male mit mir von einem Besuche bei den Nachbarn und erwähnte auch EmilienS. Zufällig oder absichtlich war seither nie die Rede auf sie gekommen und ich hatte den Kopf noch von meiner Reise her so voll, daß ich ihrer gar nicht gedacht hatte.

Nun fuhr ich wirklich fast bestürzt empor.Mein Gott"! rief ich,daS ist ja auch wahr! Laischach! Emi­lie! Wie hab ich ihrer nur so gänzlich vergessen kön­nen! Sie haben auch so selten von ihnen geschrieben.