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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem.

No. 11. Mittwoch den 14. Januar 1852.

Aschenbrödels Lackstiefelehen

Aus dem Französischen des CH. DeSlys von Fr. Bouffier.

(Fortsetzung).

Während der sechs ersten Monate ging sie gar nicht auS ; später nahm sie Lust an seltenen, kurzen Ausgängen, die nach und nach aber häufiger wurden. Ich gewahrte eS mit Vergnügen. Eines TageS bemerkte ich, daß sie unter ihrem Shawl ein kleines, in ein seidenes Taschen­tuch eingeschlagenes Päckchen verbarg, daS, als sie später wieder zurückkam, verschwunden war. Seitdem bemerkte ich dies öfter. Wo ging sie hin? . . . Ich konnte eS nicht errathen.

Der Hausmeister, welcher ihr Anfangs alles Nöthige lieferte, weigerte sich nun, ihr länger Credit zu gewäh­ren; vielleicht ging sie auS, um ihre Einkäufe zu besor­gen. Aber warum hatte sie immer beim Weggehen ein Päckchen unter dem Arm und kam dann mit leeren Hän­den wieder? Zuweilen kam mir der Gedanke, ihr von weitem zu folgen, doch immer wies ich ihn zurück. Die Tage flohen schnell in dieser Zeit, daS Unglück häufte sich mit dem Zorne des EigenihümerS, der längeren Ab­wesenheit ihreS Geliebten, der Krankheit deS jungen Mädchens, und meine Verzweiflung wuchs, die Niemand, leider sie selbst nicht, bemerkte.

Eines Morgens, als ich vor meiner Arbeit saß, sah ich mit Erstaunen Pervenche aus dem Hause gehen. ES hatte kaum sieben geschlagen. Was konnte sie veranlas­sen, so früh auSzugehen? Ein dicker Pack sah unter den Fransen ihres ShawlS hervor. Anstatt aber, wie gewöhnlich, auf dem Trottoir fortzugehen, ging sie über die Straße und kam gerade auf meine Bude zu. Ich glaubte zu träumen, ^boch nein, ich war eS, zu dem sie wollte. Mein Herz erbebte, wie das eines Verliebten von 20 Jahren bei seinem ersten ^Rendez-vouö. Auch j

mit ihr war eS so, denn ich sah wie ihre bleichen Züge eine dunklere Röthe überzog, je mehr sie sich mir näherte. Endlich stand sie in der Thüre meiner Bude. Ohne ein Wort zu sagen, hielt üe mir ein Paar grüner Stiefel­chen hin, deren Oberleder zerrissen war. Ich begriff ihre Verlegenheit und um ihr jede weitere Erklärung zu er« sparen, beeilte ich wich, ihr stammelnd zu erwidern:

In . . . einer Stunde".

Gul", murmelte sie,meinen Dank"!

In der Furcht, gesehen worden zu sein und einen flüchtigen Blick um sich werfend, entfloh sie rasch.

Ich meinerseits blieb einige Minuten unbeweglich mit dem Paar Stiefelchen in der Hand.

So hatte ich denn irgend etwas, worin dieser nied­liche Fuß geruht halte; ich betrachtete sie nach allen Seiten mit eben so großer Freude und Bewunderung, als der Prinz im Mai den Pantoffe lAschenbrödelS be­trachtet haben mag. Ihnen die Sorgfalt, die Kunst zu schildern, die ich bei meiner Arbeit verwendete, daS Ver­gnügen, das ich dabei empfand, wäre unmöglich. Nach Verlauf einer Stunde waren sie wieder wie neu und selbst das geübteste Auge hätte keine Reparatur daran erkennen können. Ich betrachtete sie mit Freude, mit Stolz.

Sollte ich nun warten, bis man sie abholte? war es anständig, sie selbst hinüber zu tragen? Welche Freude für mich, Pervenche'S Heiligthum zu betrachten ! Aber ich fürchtete so sehr unbescheiden zu sein, und dann war ich auch nicht gewiß, ob sie wieder zurückgekommen sei.

Als ich noch so überlegte, schritt Pervenche rasch an meiner Bude .wieder vorüber und rief mir die Worte zu:Bringen Sie mir sie noch nicht .... in zwei Stunden".

Kaum hatte sie diese Worte ausgesprochen, so war sie auch schon in dem Haufe verschwunden.