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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur

- Zeitung.

No. 4. Dienstag den 6. Januar 1852.

Das Königs-Jagen.

(Fortsetzung.)

Die stille Heiterkeit deS Abends machte auf den König keinen Eindruck. Er saß mit vorgebeugtem Haupte, der Spur deS Hirsches folgend, bis dieser, von einem Vor­sprunge verdeckt, seinen Blicken entzogen ward.

Brauche deine Ruder, Mann! Die Zeit geht nutz­los hin".

Denke nicht* l entgegnete der Fischer, auf den grü­nen Zweig am Maste blickend, der bei jedem Schwanken deS Bootes stch hin und her bewegte.Seht Ihr nicht, wie mein Ruder sich biegt, wenn ich eS einsetze? Ver­derbe eS ganz und gar um Euretwillen. Aber, da fasse ich Grund. Wollen langsam auflaufen, sonst kostet'S 'n Stück vom Kiel! Nun, Herr, ist's Euch angenehm"?

Mit einem raschen Sprunge waren Vater und Sohn zu Land. Der Fährmann ließ sie ruhig gehen undschmun, zelte vor sich hin.

UmS Fährlohn bin ich gekommen; aberfder Berge- lohn soll mir nicht entgehen. Konnte kein besseres Tage­werk machen. Sollte auSspâhen, welchen Weg der Kö­nig nehmen werde und fange ihn mit eigener Hand. Komm, Bursch. Du sollst ekfahren, daß Anders RaS^ muS einen guten Tag hatte und mit ihm die halbe Nacht durchrudern*.

Er schob das Boot vom Ufer und lachte in sich hinein:

Jetzt stößt das letzte Boot von Lyoe ab! Wohl bekomme eS Dir, König Waldemar- Und wenn Du je­mals w'eder einen schuldlosen Mann schlagen läßt um einer Weiberlaune wegen, träume von Deinem Fährmann auf der Fahrt nach Lyoe".

DaS Fischerboot verschwand. Ein auffrischender Wind führte eS eilig davon.

Waldemar fand am Strande die Spur des Hirsches und folgte ihr. Unfern vom Landungsplätze lag das ge, hetzte Wild verendet, von hängenden Birkenzweigen halb verdeckt.

Umsonst die Jagd"! sagte der König verdrießlich. Wir kehren ohne Beute heim".

Es dunkelt bereits, Vater! Mir ist unheimlich in dieser Stille^.

Wir wollen hinüber, Sohn", entgegnete Waldemar, nach dem Strande zurückschreitenv.He, FischerSmann l Wo bist Du? Hollah" !

Alles blieb still.

Der König wiederholte seinen Ruf. Keine Antwort. Er stieß in sein Horn. Der langgehaltene Ton zog in den grünen Wald, er hallte hinaus auf das blaue Meer. Kein Echo trug ihn zurück zu den Horchenden. DeS Königs scharf durchdringendes Auge schweifte den Strand auf und ab. Nirgends ein Boot. Kein Rauch drang aus einer vereinsamten Strandhütte. Kein Fußtritt glitt leise über den knisternden Sand.

Der Abendwind hatte sich gelegt. Die See lag re­gungslos. Auf ihrer krystaUhellen Fluth wiegte sich träumend die Möwe. Kein Käfer summte durch daö un­bewegte Laub.

Alles still.

DaS ist unheimlich in der That" ! sprach der Kö­nig, sich schüttelnd.Komm, Sohn. Wir müssen ein Nachtlager unter diesen Bäumen suchen. Ein schattiger Buchenhain ist auch eine Königshalle mit hohen Säulen und luftigem Baldachin. Schenk und Truchseß mußt Du entbehren, Prinz Waldemar; aber dafür wird der König Dein Kämmerling sein und Dir Dein Lager bereiten".

Unter drei hochragenden Buchen, die auf einem mit Gras bewachsenen Abhange standen, warf sich der König hin und zog seinen Sohn zu sich nieder: